Gewinnt der Terrorismus?


Vor einiger Zeit hatte ich mir vorgenommen nichts persönliches mehr zu veröffentlichen. Und einige Zeit später kam der Zusatz nichts politisches mehr veröffentlichen zu wollen. Beides werde ich heute ein mal über Board werfen, denn ich habe lange mit mir darüber gerungen, zu diesem Thema etwas zu schreiben, da es mich sehr getroffen hat. Ich hatte lange mit mir gerungen, ob ich mich überhaupt dazu äußern sollte – tat es dann sogar zunächst nur sehr klein; auf Twitter.

Das was am 13.11. geschehen ist, ist unbegreiflich und geht mir sehr nahe. Insbesondere, da unter den Zielen der Auftritt einer Rockband gewählt wurde. Wer mich kennt, weiß, dass ich selbst regelmäßig ganz Deutschland bereise um hier und dort an Konzerten und Festivals teilzunehmen – je nach Band ging es dabei schon über 900km – von Husum bis nach München. Und nicht nur ich – auch viele meiner Freunde sind so Musikbegeistert und Verrückt; viele sogar noch schlimmer als ich. Da die Ziele wahllos gewählt wurden, hätte es tatsächlich auch jeden meiner Freunde treffen können, wäre es nur eine andere Band gewesen. Guckt man sich das Video an, dass der … Reporter … gemacht hat, gefriert einen das Blut – Menschen die sich aus dem Fenster in 2. und 3. Stöcken hängen um den Schützen zu entgehen, verwundete die aus dem Haus gezerrt werden und eine Menschendicke Blutspur hinter sich hinterlassen. Das macht schier Sprachlos.

Ich möchte dabei in keinem Fall all die anderen schrecklichen Tode, die Menschen aktuell täglich sterben, geringer machen, oder behaupten, die französischen toten wären „wichtiger“, oder so. Nur ist Paris tatsächlich sogar mit 700km viel näher als manch andere Strecke die ich schon gefahren bin und da es sich um den unseren Kulturkreis handelt, ist dieser Anschlag um so realer als der Krieg in Syrien der sich 4.000km weiter entfernt abspielt, in einer Region von der ich keine Bilder im Kopf habe und einer Kultur von der ich schlichtweg nichts weiß, in einer politischen Lage die sich mir, trotz aller möglichen Berichte, die ich dazu lese nur als etwas unwirkliches und unglaublich abstraktes verbildlichen kann, so sehr ich mich auch anstrenge.

Mich nimmt das ganze so sehr mit, dass ich eigentlich garnicht über das andere sprechen möchte das was mir gerade tief in der Seele brennt. Aber ich habe es nunmal angefangen, und vielleicht ist es besser, wenn man versucht, dass ganze schriftlich zu verarbeiten und vielleicht liest dies auch der ein oder andere und denkt nächstes Mal ein bisschen besser nach, bevor er sich zu Taten hinreißen lässt die völlig daneben sind.

Als die terroristischen Angriffe in Frankreich verübt wurden, war ich auf einer studentischen Konferenz; ich bin – wie schon zuvor während meiner Ausbildung und während meiner Schulzeit – wieder politisch und gesellschaftlich engagiert und versuche mit meinen (mittlerweile doch recht bescheidenen zeitlichen) Mitteln ein bisschen was für meine Interessengruppe (d.h. in diesem Fall Informatikstudierende) zu bewegen; so waren meine letzten 5 Tage geprägt von Arbeitskreisen und Vernetzung mit Studierenden aus allen Bundesländern, gepaart mit wenig Zeit (und einige wenige Stunden nachholen von Dingen für die Arbeit und die Uni). Am Samstag um ca. 1 Uhr morgens stand ich daher noch mit ein paar rauchenden Menschen vor dem Gebäude und wir quatschten ausgelassen, bis der wachhabende Security-Mensch mit einer Zigarette kurz zu uns raus kam. Wütend raunzte er uns an: „Ihr steht hier und lacht! Googelt mal. Paris! Schon 50 Tote! Und es werden immer mehr“. Dann erblickte er mich: „… wegen diesen scheiß Knacken!“

Keiner von uns wusste was los war – aber ich war erstmal perplex. „Wie bitte?!“ brüllte ich in seine Richtung, und er ging mit seiner Zigarette wieder rein (rauchte sie wahrscheinlich auf der anderen Seite des Gebäudes). Ich war sprachlos. Sofort gingen die allesamt wirklich großartigen Teilnehmer die das mitbekommen hatten, darauf ein, trösteten mich, sagten mir, ich solle auf den nicht hören und mich auch nicht mit dem anlegen. Zwei berichteten, dass sie schon gestern Streitgespräche mit dem geführt hätten, da er sich da wohl ähnlich geäußert hätte und irgendwann gemerkt hatten, dass es sinnlos sei.

Nun ist es so: Mit Fremdenhass kann ich um. Klingt vielleicht ein bisschen traurig – aber wenn man mit sowas groß wird, dann baut man irgendwann ein dickes Fell auf. Und da ich ein Mischlingskind bin, kenn ich Fremdenhass seit dem Grundschulalter – und das nicht nur aus einer Richtung. Ich muss trauriger Weise feststellen, dass Tamilen in weiten Mengen oft um ein vielfaches rassistischer sind, als der Großteil der Deutschen. Ich weiß es, denn für Tamilen bin ich ironischer Weise ein „Weißer“ – etwas das Deutsche wegen meiner Dunklen Haut oft erstmal die Sprache verschlägt. Ich bin es also gewohnt, dass man mich wegen etwas hasst, für das ich nicht kann, und das mich kaum jemand als dazugehörig annimmt, auch wenn Deutschland meine Heimat ist und ich von meinen Mitmenschen liebend gerne als deutscher würde gesehen werden wollen; das dies nicht so ist trifft mich schon lange nicht mehr.

Was mich dann aber doch echt fertig gemacht hat, war dass ich kurz darauf gegoogelt hatte, was die Person denn gemeint haben mag. Als ich dasaß und las, was in Paris vorgefallen ist. Für indirekt zu dem Zeitpunkt schätzungsweise 150 Tote mitverantwortlich gemacht und dafür beschimpft zu werden, das ist ein Gefühl, dass mir absolut neu ist und insbesondere etwas mit dem ich scheinbar absolut nicht umgehen kann. Ich war geschockt und sprachlos und hatte erstmal versucht, es zu verdrängen. „Happy thoughts“. Als das nicht wirklich funktionieren wollte, ist es in Wut umgeschlagen – und weil ich doch so gewalttätig bin, war die für mich beste Idee, meiner Wut Ausdruck zu verschaffen, mir von einem der Teilnehmer einen „Fuck Pegida“-Sticker zu besorgen, um ihn an mein Namensschild festzumachen. Ich dachte daran, mit jemanden zu Reden, aber ich wusste nicht mit wem und wie und konnte mir auch nicht vorstellen, dass irgendjemand das irgendwie nachvollziehen kann. Außerdem war ich nicht in der Stimmung andere Leute runter zu ziehen und überhaupt – im Vergleich zu dem was in Frankreich akut gerade immer noch passierte, war mein Problem unglaublich banal und albern. Vielleicht jemand anderen aufmuntern? Als auch das nicht wirklich möglich war und ich immer mehr das Gefühl hatte nicht mehr zu und in die aktuelle Situation zu gehören (oh ich würde so gerne irgendwo hin auswandern – ganz weit weg), in der ich mich gerade befand, legte ich mich zunächst zum Sterne-Betrachten raus und machte dann, als ich von vorbeigehenden Menschen darauf angesprochen wurde ob alles in Ordnung sei, beschloss ich einen ausgedehnten Nachtspaziergang zu machen um einen klaren Kopf zu bekommen. Gegen 4 Uhr morgens ins Bett, schlecht geschlafen, gegen 6 Uhr wieder wach, duschen. Eigentlich hätte ich noch zwei Arbeitskreise besuchen wollen, stattdessen saß ich da und ordnete noch mal meine Gedanken – endlich ist es auch anderen Menschen zu Ohren gekommen, kurze Gespräche mit schon oder noch wachen Konferenzteilnehmern während des Frühstücks. Um ~10:30 Uhr beschließe ich dann, dass ich das „mir zugestoßene“ kurz irgendwo mitteilen muss um es irgendwie zurück zu lassen. Twitter. Danach habe ich es tatsächlich geschafft, wieder in den Tag zurück zu finden, hatte aber den ganzen Tag eher miese und gedrückte Stimmung, die sich erst gegen Abend nach Gesprächen mit meiner Freundin ein bisschen gelegt hatte.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Mensch bin, der Gewalt aufs schärfste verurteilt und der außerdem Religionen am liebsten verbieten würde, weil er sie für eines der großen Menschheitsübel hält. Auch wenn ich an etwas höheres glaube, bin ich „Religionskritiker“ und Zitiere hier gerne Kant. Überhaupt sind die großen Aufklärer a la Kant, Descartes, Hume, Voltaire, oder Rousseau für mich Vorbilder und ich bin überzeugt, die Welt wäre ein besserer Planet, würden Menschen mehr nach den Werten und Idealen dieser genialen Philosophen leben. Ich habe mich seit jeher für schwächere eingesetzt und für diejenigen, denen Unrecht widerfährt – ich spreche mich oft für mehr Gleichberechtigung aus, unterstütze Frauenrechte, bekämpfe Homophobie – und ja, zur Bestürzung mancheines setze ich mich sogar für die Rechte von Rechten ein – denn Demokratie und Meinungsfreiheit — solange sie nicht Volksverhetzend, Verfassungsfeindlich oder Gewaltaufrufend/verherrlichend sind — endet nicht bei Standpunkten die mir zuwider sind und insbesondere halte ich auch das radikale Vorgehen der Antifa falsch, bei dem Kontaktdaten rechter Menschen veröffentlicht werden um diese angreifen zu können. Wahrscheinlich auch deshalb hat mich dieser verbale Angriff so erschüttert, denn die Taten in Paris sind für mich in keinster Weise auch nur im entferntesten vertretbar. Trotzdem wird mir wegen meines Aussehens die Schuld dafür gegeben. Natürlich ist das Lächerlich – aber gerade in dem Moment fühlte es sich für mich als alles andere denn Lächerlich an.

Auf Twitter wurde mir nun schon unterstellt, ich würde das Attentat „so ein klitzekleines bisschen instrumentalisieren“, als ich den Tweet „Wie ich von #Paris mitbekommen habe? Der Security-Mensch kam raus und hat mich als “Scheiß Kanacke” beschimpft… \o/„ abgesetzt hatte. Klar, von jemanden der über die Lügenpresse herzieht, Flüchtlinge für die Täter hält und sich auch überall sonst als rechter Troll zu erkennen gibt und den ich daher geflissentlich ignoriert habe. Nichts desto trotz kann sich jetzt natürlich auch ein hierher verirrter Leser fragen – toll, aber was soll das?

Ein Grund schrieb ich ja oben schon – es tut einfach gut und hilft beim Verarbeiten, wenn man sowas versucht in einem Text niederzuschreiben, um es dann abschließen zu können. Es tat mir auch verdammt gut, wieviele Menschen, sowohl direkt vor Ort (direkt nach der Beschimpfung) aber auch über Twitter und privat sich wohlwollend dazu geäußert haben. An jeden einzelnen von euch: Ihr seid toll, danke! Ich bin kein Mensch der groß ist, im Reden über eigene Gefühle und das fällt mir umso schwerer, je weniger ich die Menschen kenne – und von den wirklich alten Freunden gibt es leider nicht mehr allzu viele – daher ist schreiben ein tolles Ventil für mich.

Ein nicht zu vernachlässigender weiterer Grund – und für mich tatsächlich auch Motor es trotzdem zu veröffentlichen auch wenn ich eigentlich über nichts privates und nichts politisches mehr schreiben wollte – ist die Tatsache, dass ich nun auch mehrere Texte und Videos sehen musste, wo andere Menschen verantwortlich gemacht werden, für diese Taten, die genau so wenig dafür können. Vielleicht hilft dieser Text euch, zu verstehen, was ihr da tut.

Insbesondere diese Schlagzeile hat mich schockiert. Dieser Mensch bekommt nun massive Morddrohungen – für etwas das er nicht getan hat, und das er allem Anschein nach aufs entschiedenste verurteilt; nicht auszuschließen, dass darunter auch Menschen sind, die das ernst meinen könnten. Und alles nur, weil irgend ein Arschloch der Meinung ist, seinen Fremdenhass instrumentalisieren zu müssen. Dies ist aber nur das krasseste Beispiel. Amerika erwägt nun, keine syrischen Flüchtlinge mehr ins Land zu lassen – dabei sind das die Menschen, die vor der IS flüchten und das täglich erleben, was in Paris nun an einem einzigen Abend passiert ist.

Und auch gegen Moslems wird nun wieder gewettert – nicht nur von Pegida und anderen Rechtsradikalen Gruppen; auch sogenannte Journalisten lassen sich zu Hass und Schuldzuweisungen hinreißen. Die Reporter von CNN sind nur eines von vielen furchtbaren Beispielen:

Hört bitte auf damit! Ziel von Terroristen ist es Angst und Schrecken in unsere Köpfe einzupflanzen, und uns an unserem normalen Miteinander zu hindern. Immer wieder machen wir selbst uns das klar – immer wieder erzählen uns das auch Journalisten, Künstler, Sportler, etc. Die Deutsche Elf wird auch weiterspielen, so kurz nach dieser unglaublichen Tragödie. Denn wir glauben an unsere Werte und an unsere Lebensweise und genau deshalb wollen wir uns diese nicht nehmen. Sonst hätte der Terrorismus doch gewonnen?

Nur, leben wir tatsächlich wie immer weiter, wenn wir jetzt Angst oder gar Hass gegen jeden Menschen verspüren, der Muslimisch oder gar nur Fremd aussieht? Wenn wir jetzt unsere Werte vergessen und andere Länder bombardieren, und damit (neben vielleicht auch legitimen Zielen) noch mehr unschuldige Menschen töten und für noch mehr Leid sorgen? Wenn wir unsere Herzen für Fürsorge und Nächstenliebe verbarrikadieren und Flüchtlinge an unseren Grenzen Erfrieren und Ertrinken lassen? In dem wir uns so sehr von Hass zerfressen lassen, dass wir dazu übergehen und Bilder per Fotoshop editieren um diesen Hass ein Ventil zu geben? Und indem wir uns selbst immer weiter in unseren Rechten und Freiheiten beschneiden, mit Forderungen nach lückenloser Vorratsdatenspeicherung, mehr und neuen biometrischen Daten, etc.?

Und hört verdammt noch mal auf damit, Menschen wie Du und ich dafür verantwortlich zu machen, was einzelne Spinner verbrechen. Nein, nicht jeder Moslem kennt jeden anderen Moslem; daher hätte niemand davon wissen können, davor warnen müssen, etc. Nein, nicht jeder Moslem ist so, und lebt einen Islam, wie den, der von Terroristen propagiert wird. Welche Ziele gehören denn – neben der westlichen Welt – zu den Angriffszielen der bspw. ISIS? Andere muslimische Ausprägungen, etwa Shiiten – die im Irak am laufenden Band exekutiert werden.

Weil 1% Menschen einer Weltreligion sich geisteskrank und kriminell verhält sollen jetzt alle Moslems so sein? Dann, so frage ich mich – warum distanziert ihr euch nicht von Anders Breivik? Der hat das im Namen des Christentums gemacht – sind also alle Christen kriminell? Müssen sich die Christen nicht verantworten? Hätten die Christen uns nicht warnen müssen, vor einem solchen Terroranschlag? Muss ich jetzt nicht Angst haben, vor jedem Christen? Sollte ich etwa losziehen und Kirchen und christliche Häuser anstecken? Sollten Christen überall auf der Welt an der Grenzen verwiesen werden?

Mit Waffen führen wir den Krieg gegen den Terror schon lange vor dem 11. September, und seit 9-11 mit ganz starker Fokussierung. Der 13. November zeigt uns, dass wir weit davon entfernt sind, uns als Sieger zu sehen. Und aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen zeigen, dass der Terror scheinbar Erfolg hatte – wenn wir uns jetzt gegenseitig bekämpfen, dann hat der Terrorismus wahrscheinlich sogar schon gewonnen.


PS: Nur damit das klar ist – wer jetzt meint hier mit rechten Parolen und geistigem Dünnschiss rumzurotzen und das als Meinung zu verkaufen, der wird hier auf meinem Blog wieder gelöscht. Überdies herrscht auf meinem, privaten und persönlichen Blog sowieso keine Meinungsfreiheit für jedermann – hier habe ich Hausrecht und bestimme, wer etwas sagen darf und wer nicht – und nach AFD, Pegida etc. habe ich absolut kein Bock mehr auf euch rechte Hetzer, Rassisten, Islamhasser und Nazis, also probiert es erst gar nicht. Falls doch, dann stellt euch doch bitte so klug an und begeht hier gleich eine Straftat – Volksverhetzung, Beleidigungen, Morddrohungen – bitte. Ich werde jede dieser Aussagen die einen Straftatbestand erfüllt nicht löschen sondern sofort zur Anzeige bringen – nur damit das klar ist.

An alle andern: Ich freue mich natürlich wie immer auch über eure Meinungen. Und an jeden Einzelnen, der nicht gleich anfängt alle zu Verurteilen: Danke. Bitte werdet mehr, sonst gewinnen die am Ende wirklich noch…

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