Resümee: Fußball-WM


Ich hab mich mit diesem Thema ja ein bisschen in die Nesseln gesetzt. Einige Leute sind jetzt anscheinend wieder genervt von mir, und ich durfte mir anhören, ich würde versuchen anderen Leuten den Spaß wegzunehmen, und mich lediglich größtmöglich Non-Konformistisch verhalten. Es geht – wie sollte es sein – um Fußball. Dabei habe ich niemandem der Freude an Fußball hat, gesagt, dass ich Fußball verbieten möchte, dass ich Fußballfans doof finde, oder ähnliches, ich habe lediglich ein paar Entwicklungen kritisch hinterfragt. Hier möchte ich einmal gesammelt darlegen, was an dem WM-Hype kritisch ist, und warum meiner Meinung nach eine regelrechte Gefahr besteht, wenn solche Entwicklungen einfach schulterzuckend hingenommen, oder gar verteidigt werden.

Schon als Kind habe ich nicht sonderlich gerne Fußball gespielt, ich war damals mehr für Basketball zu begeistern, und für Einzelsportarten – letztendlich bin ich so beim Schwimmen gelandet, und bin bis ich 21 war, 10 Jahre am Stück wöchentlich regelmäßig geschwommen. Davon die letzten 6 Jahre in der Leistungsgruppe, sprich 4 von 6 angebotenen malen die Woche verbrachte ich 2 Stunden in der Schwimmhalle, und manchmal vorher eine halbe Stunde auf einem Trainingsplatz. Das ist nicht jedermanns Sache, ich weiß. Meine war es. Das Konzentrieren auf das Schwimmen brachte mir innere Ruhe, das kühlende Wasser sorgte dafür dass mir trotz körperlicher Höchstleistung nicht heiß wurde, es gab kein Schweiß der mir kalt und salzig über das pulsierende Gesicht und brennend in die Augen rann und da sich die Bewegungen nach und nach automatisieren, blieb mir während der Trainings im Wasser viel Zeit mit meinen Gedanken. Das war mein Ding.

Und wenn man so eine Lieblingssport hat, dann interessiert einen natürlich auch, was “die Großen” so machen, man hat seine Idole, und freut sich dann, wenn z.B. eine Franzi van Almsick für Deutschland Goldmedaillen gewonnen hat. Dadurch empfindet man aber keinen Stolz. Ich jedenfalls nicht. Ich habe ja nichts dazu beigetragen, dass Franzi mehrfache Gewinnerin ist. Und Deutschland ja so gesehen auch nicht. Ergo habe ich in diesen Momenten auch keinen Nationalstolz empfunden. Und ich bin auch nicht herum gelaufen und habe gerufen “Wir sind Weltmeister”, oder gar “Deutschland ist Weltmeister”; stimmt ja auch nicht – Franzi war’s. Gut, darum soll es mir hier auch nicht gehen; wobei ich es höchst traurig und bedenkenswert finde, wenn Menschen lediglich dann Nationalstolz empfinden können, wenn Fußball-WM ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Großteil der Menschen wird wahrscheinlich sagen: Boah ist Schwimmen langweilig. Da bewegen sich Leute im Wasser 10 mal hin und her und fertig. Das sehe ich ein. Das akzeptiere ich. Ebenso wünsche ich mir im Gegenzug dann allerdings auch, dass man akzeptiert, dass ich Fußball langweilig finde. Ich mag, wie gesagt, Basketball ganz gerne, ein schneller Sport, viele Tricks, viele Punkte, sodass es bis zum Ende spannend bleibt. Fußball wiederum ist für mich ein langsames, langweiliges hin und her geschubse eines Balls unter dem eigenen Team, bis irgendwann mal einer durchbricht und dann eine Torchance hat. Und in der Regel ist das Spiel nach 2 Toren Vorsprung auch schon entschieden, da überrascht dann in der Regel nichts mehr; das Spiel gegen Brasilien ist und bleibt eine unglaubliche Ausnahme. Ich finde Fußball halt langweilig. Wäre doch auch doof, wenn alle nur das gleiche mögen würden, oder?

Ich habe trotzdem in den vergangenen Jahren öfters mal Fußball geschaut, wenn die WM war. Aber irgendwann war mir einfach nicht mehr danach – das geschah ausgerechnet dann, als Deutschland sein vermeintliches Sommermärchen hätte haben können – und dem damit erwachenden Fußball-Hype. Irgendwie dumm.

Das erste Mal bewusst erlebte ich eine WM mit 14 mit, 1998. Wahrscheinlich hab ich auch die WM davor gesehen, aber da war ich dann 10 und kann mich folglich an nichts mehr erinnern – in meiner Familie war Fußball immer das Ding meines Bruders und der war da 8, also kam das wahrscheinlich erst später. Als die WM 1998 nun lief war ich, wie jedes Jahr mit meinem Schwimmverein zu Gast in Berlin, und meine Berliner Gastfamilie hat Fußball geguckt, und ich dann auch. Ich habe da das erste Mal verstanden, warum wer gegeneinander spielt, wie dieses ganze System funktioniert und fand es cool – auch wenn ich die Spiele weiterhin nicht besonders spannend fand – ich hatte irgendwie mehr Freude am Ausrechnen wer aus welcher Gruppe weiter kam und wer dann wann gegen wen spielen durfte. Ich besorgte mir also eines dieser Poster, wo man eintragen konnte wie die Ergebnisse waren und wer gegen wen weiter kam, trug die Ergebnisse ein, und entschied mich noch während der Gruppenspiele für Brasilien zu sein, weil das die einzigen Spiele waren, wo wirklich etwas gewagt wurde, wo Ballzauber stattgefunden hat und wo mit Carlos, Rivaldo, Ronaldinho und Ronaldo Spieler par excellence auf dem Feld standen.

Auch die WM 2002 hab ich verfolgt, auch wenn ich immer mehr feststellen musste: Eigentlich interessiert mich das, was da passiert nicht. Aber naja. Mein Bruder mag Fußball und guckt das gerne und so habe auch ich die WM fast komplett mitbekommen. Damals hat man das noch entweder zu Hause geguckt, irgendwo bei Freunden, oder eben in der Kneipe; primär eine Männersache. Es gab einen nicht zu verachtenden Teil an Fußball-Fans, keine Frage. Aber es handelte sich weiterhin lediglich um einen Teil; bei mir in der Klasse vielleicht 20% – ähnlich verhielt es sich in meiner Zenturie an der Berufsakademie 2005. Diese Leute hatten sich riesig gefreut auf die WM, sprachen von nichts anderem – dem Großteil war dieses Event aber mehr oder weniger egal.

Dann kam 2006, und die WM wurde in Deutschland ausgetragen. Und auf einmal änderten sich Dinge. Klar, denn wenn die WM im eigenen Land ausgetragen wird fühlt man sich der Sache verbundener; man kann sich die Spiele tatsächlich direkt und ohne viele Zusatzkosten (Flug, Visa, Unterkunft, etc.) im Stadion angucken, und man kann dank der vielen Gäste aus aller Welt das ganze auch monetarisieren – und so warben Kneipen mit den größten Bildschirmen in FullHD, es gab Fußballparties und Public Viewing. Partymeilen überall, alles was Rang und Namen hat, machte irgendwie mit, brachte sich irgendwie in das Fußballgeschehen ein und sorgte dafür dass Fußball in Deutschland während der WM allgegenwärtig wurde. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis plötzlich jeder dabei sein wollte, mitmachen wollte. Ich kann mich noch daran erinnern, dass einige befreundete langjährige Fußballfans selbst anfangs Skepsis hatten, als auf einmal Menschen Fußballfans sein wollten, die weder wussten was ein Abseits ist, noch wie die 11 Spieler auf dem Feld eigentlich hießen, welche die Neufußballinteressierten – meinem Empfinden nach erstmalig Jungs und Mädels gleichermaßen – anfeuerten. Hauptsache Party. Hauptsache Spaß, Hauptsache “Schland!

Wie jeder Mannschaftssport löst Fußball eine interessante Gruppendynamik aus: Anders als bei Einzelsportarten, wo man Fan eines Sportlers ist, sind die Spieler beim Fußball austauschbar – das Team abstrahiert die sportliche Leistung des Individuums und macht die Spieler damit auf lange Sicht gesehen irrelevant. So kann man Jahrelang Fan ein und derselben Mannschaft sein, obwohl am Ende kein einziger Spieler mehr dabei ist, der noch dabei war, als man diese Mannschaft als die seine auserkoren hatte. Diese langjährige Bindung sorgt für eine sehr intensive Beziehung, obwohl sie völlig unpersonalisiert ist; Franzi hat irgendwann aufgehört, weil sie die sportliche Leistung mit voranschreitenden Alter nicht mehr erbringen konnte. Vorbei das Bejubeln und Mitfiebern, denn sie war einfach nicht mehr im Wasser; vielleicht mochte man noch jemanden, dann hätte man jetzt bspw. mit Anne Poleska mitfiebern können. Aber auch wenn auch Anne für Deutschland schwimmt, so ist Anne nun mal nicht Franzi. Nicht so beim Fußball. Da das Team wegen der Spielerrotation lediglich durch Erkennungsmerkmale, d.h. Trikots, Siegel und Farben ausgemacht und definiert wird, werden auch Fans mit den Trikots, Siegeln und Farben zum Teil des Teams. Das merkt man an den regionalen Spielen – als HSV Fan spielt nicht der HSV gegen Werder Bremen; wir spielen gegen Werder Bremen. Nicht der HSV wird den Gegner platt machen; wir werden euch platt machen. Solche Formulierung nutzt der Fan gerne; wir sind aber nicht alle Franzi oder Anne. Mitunter weitet man dieses “wir” auch gerne mal auf alle aus, beim HSV z.B. auf alle die da in Hamburg leben, ganz gleich, ob man nicht lieber ein anderes Team mag. Tut man dies jedoch öffentlich kund, wird man zum Verräter – scherzhaft natürlich. Nicht der HSV hat gewonnen, wir haben gewonnen. Und so sind auch wir jetzt Weltmeister, fühlen uns großartig, ganz als ob wir etwas geleistet hätten. Haben wir ja auch, wir saßen vor den Fernsehern und haben geguckt, wie elf Männer auf dem Feld bei unerträglicher brasilianischer Hitze Höchstleistungen erbracht haben, und dabei unser kühles Bier genossen und gefeiert – und waren vielleicht sogar so anmaßend und haben den Spielern auf den Fernseher zugerufen, dass wir es grade auch noch alles besser wüssten (“Wieso passt der denn nicht?! Man da steht doch einer frei”). Und jetzt hat – haben wir – alle Feinde besiegt. Wir sind die größten.

Aus dieser Dynamik geht auch eine große Gefahr aus. Welche Ausmaße ein solches Mindset haben könnte, können wir in der Geschichte nachlesen. Aber ja! Natürlich ist das sehr weit hervorgeholt, und wird von dem ein oder anderen jetzt als polemisch aufgefasst. Ich möchte halt plakativ bleiben. Das heißt nicht, dass ich jetzt Fußballfans mit Nationalsozialisten gleichsetzten, oder das aufkommende Zusammengehörigkeitsgefühl unter einer deutschen Flagge mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verwechseln! Das ist in keinem Fall mein Anlegen. Aber, eine Gefahr ist hier durchaus vorhanden, und es sollte daher auch aufgepasst und kritisch beobachtet werden. Denn der Spaß hört da auf, wo ein harmloses Sportereignis dafür missbraucht wird, latenten Rassismus zu streuen. Das dies passiert, lies sich in den letzten Jahren öfters mal beobachten; auch zur diesjährigen WM, als etwa Sprüche, die Menschen sonst eventuell nur in geschlossenen Kreisen von sich gegeben hätten, nun über Twitter pseudoanonym in die Welt geschrienen wurden, etwa beim Spiel gegen Ghana, als Sachen gesagt wurden, wie: “Da haben wir die Neger von der Kette gelassen und als Dank sind die jetzt in unserem Strafraum”, oder aber “Warum können die nicht auf dem Feld an AIDS sterben”, etc. Das so etwas nicht lustig ist, darüber müssen wir hoffentlich nicht diskutieren. Solche Sprüche erwarten wir sonst in der Regel auch nur von NPD-Anhängern. Zur WM jedoch trauten sich nicht gerade wenige Menschen, Sätze solcher Qualität von sich zu geben. Wer da unglückliche Zufälle vermutet, belügt sich wahrschienlich selbst.

Solche Gefahren sollte man diskutieren können, denn nur wenn man sie erkennt, diskutiert und aufmerksam ist, kann man verhindern, dass eine friedliche Sportart von wenigen missbraucht und eventuell instrumentalisiert wird. Leider behauptet der Großteil nach außen hin lediglich “Fußball verbindet”, und tut solche Sprüche als Ausreißer ab, oder entschuldigen es mit dem Verhalten anderer Staaten. Ja, sowas ist beileibe kein deutsches Problem und das will ich auch nie behaupten. Nationalismus ist kein deutsches Problem, und die Sprüche und das Verhalten, dass ich bspw. unter Tamilen erlebe, bei denen ich trotz meines Vaters als “Weißer” gelte, ist zuweilen weitaus schlimmer, als das was ich in Deutschland wegen meiner dunklen Hautfarbe schon gehört hab; die “Nazi Bastards”-Sprüche beim Spiel der USA und Brasiliens gegen Deutschland fand ich auch alles andere als akzeptabel! Aber ist das ernsthaft eine Entschuldigung? In einigen arabischen Ländern werden Frauen öffentlich gesteinigt – darf ich das jetzt daher hier in Deutschland auch tun?! Andere fangen bei dem Thema plötzlich eine Diskussion über die Frechheit das man in Deutschland immer noch nicht Stolz auf sein Land sein darf, an. Dabei hat Nationalstolz absolut nichts mit Rassismus zu tun und jemand der wahrhaftig Stolz auf sein Land ist, hat es meiner Meinung nach nun auch nicht nötig, andere über Diskriminierung zu diffamieren; wenn ich etwas geleistet habe, auf das ich stolz sein kann, brauche ich das nicht – außer natürlich ich kann in wahrheit garnicht wirklich stolz sein und rechtfertige meinen Stolz dann gegenüber der Öffentlichkeit indem ich zeige wieviel schlechter andere sind, als ich es bin nur um von meinen Verfehlungen abzulenken.

Von mir aus können die Menschen so viel mit ihren Fahnen wedeln wie sie möchten, wieso auch nicht, die Deutsche Fahne kann sich durchaus sehen lassen und hat an für sich etwas elegantes. Das hat aber auch nichts mit Rassismus zu tun, und deshalb sollte man sich davon auch abgrenzen, sonst erschleichen sich die Rechten am Ende die Deutsche Fahne als faschistisches Symbol zurück; das wäre traurig, denn viele harmlose Symbole, sei es bspw. Runen, Thors Hammer, Vinkingermystik, Mittelaltersymboliken, versuchen die Rechten auch schon seit langem für sich zu gewinnen und zu beanspruchen. Wenn Fußballfans sich davon nicht distanzieren, dulden diesen latenten Rassismus der irgendwann immer weiter erstarkt. Leider wollen sie ihn aber nicht diskutieren und flüchten in andere Themen – etwa wieviel gutes die WM den armen Ländern tut, in denen sie ausgetragen wird; da werden jetzt Stadien gebaut, da kommen jetzt Touristen hin, da haben Leute durch den Fußball Jobs und Geld. Dass das große Geschäft aber eben nicht der gemeine Bürger macht, das will dabei keiner hören. Irgendwie kommt es ja auch denen zu Gute. Ehrlich? Ist es denn Dir 2006 auch zu Gute gekommen? Und erkauft man sich damit, dass irgend ein anderes Land nun als Austragungsort Gewinne machen kann, das Recht, Afrikaner wieder als Neger zu beschimpfen und ihnen AIDS an den Hals zu wünschen? Oder was hat das jetzt mit dem Thema zu tun?

Das Problem an Fußball ist, dass diese reißende Dynamik und dieser medial aufgepuschte Hype dafür sorgt, dass die Menschen nicht mehr differenziert darüber nachdenken können und wollen. Wäre ich Fußballfan, würde ich solche Probleme eventuell auch nicht thematisieren und lieber totschweigen wollen. Aber das wäre falsch, denn auch beim Fußball gilt es, Zivilcourage zu zeigen, auch wenn diese sich gegen die Fans aus den eigenen Reihen richtet. Tut man das nicht, dann werden Grenzen immer weiter überschritten. Dann wird Gemeinschaftsgefühl zum Ausgrenzen genutzt, dann wird Ausgrenzen zum Anpöbeln, und dann wird Anpöbeln zum Prügeln – eine Gewaltspirale. Dann wird schlussendlich das Fußballevent zum Hooligan-Fest, auf dem keine Gesetze und Anstandsregeln mehr gelten und auf dem nach Belieben randaliert und gewütet werden darf. Und nein, sowas ist kein Blödsinn, das ist nichts was ich mir ausdenke – das ist Fakt. Ein Grund, warum ich aus einer der schönsten Gegenden, in der man in Bremen wohnen kann, weg wollte, ist derjenige, dass meine Wohnung fast direkt auf der “Fußballmeile” zwischen Hauptbahnhof und Weserstadion liegt. Ich durfte hier mehrfach am Wochenende mit eigenen Augen sehen, was Fußball auch bedeutet, wenn nach dem Spiel Fans pöbelnd, rempelnd, angetrunken wieder nach Hause wollen. Wenn massenweise Straßenbahnen ausfallen und man nirgends mehr hinkommt, weil wieder irgendjemand irgendwo irgendetwas kaputt gemacht hat, weil wieder irgendwo ein Straßenschild entwurzelt werden musste, o.Ä.. Wenn Fensterscheiben zu Bruch gehen und Mülleimer auf einmal brennen. Die absolute Spitze war hier los, als das Aufgebot der Polizei plötzlich ein zehnfaches Betrug, und Menschen in Bussen direkt vom Bahnhof abgeholt wurden und Polizeieskortiert ins Stadion gefahren wurden. Trotzdem gab es etliche Schlägereien. Einer dieser Fan-Busse wurde mit einer Bierflasche beworfen, sodass während der Fahrt die Scheibe kaputt ging – völlig unbeteiligte und eventuell total friedfertige Menschen, die lediglich ein Spiel sehen wollten, wurden verletzt. Die Polizei ist am Ende trotzdem glücklich, sie hatte die Lage gut im Griff, es gab weniger schwerverletzte als Befürchtet, auch wenn es der Stadt danach wieder mehrere tausende kostet, die angerichteten Schäden zu sanieren und den Polizeieinsatz zu bezahlen – ein Bild kann man sich beim Video des Weserkuriers auf YouTube machen. Wenn man mit Fußballfans über etwas redet, dann trifft man auf taube Ohren. Es ist ja ein Derby, da gelten halt andere Regeln, die sind immer ein bisschen heftiger. Ehrlich? Wo ist denn da die Grenze? Ein Feuer kann leicht überspringen, eine heftige Prügelei auch schnell mal tödlich enden. Ist das in Ordnung, wenn es sich um ein Derby handelt?!

Wer sich übrigens ein Bild davon machen möchte, wie hier in Bremen Fußball regelmäßig zum Katalysator von Gewalt wird, kann sich das kleine Video oben angucken. Da gehen Fußballfans einer ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Fußballspielen auf der stark befahrenen Sielwall-Kreuzung. Die Polizei rückt an, weswegen sich dann auch noch Punks einmischen und sich mitten auf die Kreuzung setzten – Provozieren des Provozieren wegen, genau so hirnlos wie die Fußballfans auf dem Video. Und während die Polizei die Straße blockiert, damit sich die Fans nicht zurück bewegen können, entwurzelten diese dann Straßenschilder und greifen damit die Polizisten an. Das ist der tägliche Wahnsinn, wenn es in Bremen heißt, es ist Fußball – sowas erlebe ich Gott sei Dank nicht mit, denn nach den ersten paar malen hörten wir schon immer wann das nächste Spiel in Bremen ist, und versuchten zu dieser Zeit zu Hause zu bleiben. Denn ich wohnte 2 Minuten von dieser Kreuzung entfernt. Kann sich jemand erinnern, was passierte, als in Hamburg bei einer Demo die Polizei einen Zug zum stehen brachte und als Leute anfingen zu meckern, diese dann von der Polizei niedergeknüppelt wurden? Von unberechenbarer linker Gewalt wurde überall geredet, von Angriff auf die Polizei; Politiker diskutierten ernsthaft darüber, das Demonstrationsrecht zu verbieten, und Hamburg wurde zu einem großräumigen Gefahrengebiet erklärt. Selbst kritisch denkende Menschen sympathisierten mit dem Einschränken der Rechte zugunsten einer eingeredeten Sicherheit und das, obwohl heraus kam, dass die Medien vieles falsch berichtet hatten, und niemand, außer Demonstranten zu Schaden kam und die einzigen Täter Polizisten selbst waren. Hier passiert wöchentlich ein vielfach schlimmeres, aber beim Fußball scheint es niemanden zu stören. Es muss schon sehr viel Geld fließen, das hier wöchentlich aufgeräumt und renoviert wird, dass Politiker all das in kauf nehmen; oder ist am Ende gar doch etwas dran, an der ausgelutschten Metapher “Brot und Spiele”?

Was aber nicht zu leugnen ist, ist das Fußballfans bei stetigem ignorieren der Ausschreitungen diese Grenzen weiter und stärker überschreiten, das kennt auch jeder von sich selbst. Vor 2006 ist noch niemand stetig hupend durch die Straßen gefahren. In dieser WM nun ist meiner Meinung nach das gesunde Maß an öffentlicher Zurschaustellung von Freude entschieden überschritten worden. So konnten wir zwei Nächte lang noch bis zwei Uhr Hupkonzerte vernehmen; zum Finale ging es bis nach 3 Uhr, wobei sich konstantes Hupe mit Polizei- und Krankenwagensirenen abwechselte. Etwa alle 15 Minuten Sirenen. Eine halbe Stunde lang stand auch vor unserer Wohnung zwei Krankenwagen, die das Zimmer zusätzlich in flackerndes blaues Licht hüllten. Die Frage, ob es das Wert ist, sein Leben so auf’s Spiel zu setzten, nur weil elf Menschen eine herausragende Leistung auf einem Spielfeld erbracht haben, muss jeder für sich selbst entscheiden; das Gefährden anderer Menschen durch rücksichtsloses und betrunkenes Fahren aber ist eine Frechheit, und das missbrauchen einer Autohupe um 3 Uhr Nachts auf einen Montag kann meiner Meinung nach nur mit Asozial beschrieben werden.

Es gibt nun Menschen, die mir vorwerfen, ich würde ihnen den Spaß nicht gönnen – nein, dem ist nicht so. Von mir aus kann jeder sich so viel und lange und ausgiebig mit Fußball beschäftigen und freuen, wie er möchte – solange er mir damit nicht auf die Nerven geht. Wie heißt es so schön: Die eigene Freiheit endet dort, wo die Freiheit des nächsten anfängt. Aber das geschieht nunmal. Wenn ich in den Laden gehe, kann ich nur noch Dinge in Deutschlandfarben kaufen, in meiner alten Firma gab es zur WM auch während der Arbeitszeit “Public Viewing” – wer nicht wollte durfte weiter arbeiten. Wenn man Google aufmacht, wird man konstant damit bombardiert, die Twitter-App hat mir Push-Nachrichten auf’s Handy geschickt, auf Facebook liest man nichts anderes mehr und nach den WM-Spielen kommt man nirgends mehr hin, weil mal wieder Ausnahmezustände bestehen. Damit finde ich mich sogar ab, sei es halt so. Aber es hört da nunmal nicht auf. Vor unterschiedlichen Menschen darf man sich mittlerweile rechtfertigen, dass man kein Fußball guckt; teilweise sind das Menschen, die sich selbst garnicht für Fußball interessieren, allerdings weil Deutschland spielt, der Meinung sind, dass man das gucken müsste. Soll ich es diesen Menschen gleich tun, mich über 90 Minuten vor den Fernseher setzen und dabei Prospekte lesen, weil mich der Inhalt ja doch nicht interessiert und ich nur Mitjubeln und saufen will, und dafür eine Ausrede brauche? Die brauche ich nunmal nicht, wenn ich Spaß haben möchte, ich kann auch so mal Cocktails oder Wein trinken gehen, dabei viel Spaß haben, und mich amüsieren. Versteht mich nicht falsch, wer Fußball mag soll Fußball schauen, ich freue mich sehr wenn andere Menschen ihren Spaß haben und ihren Hobbys nachgehen können. Aber bestimmt 80% der Menschen, welche die WM feiern, nutzt diese doch nur, um zu feiern, um die Sau raus zu lassen um Zusammengehörigkeitsgefühle zu finden. Wahrscheinlich trauriger Weise auch viele Menschen, die in ihrem eigenen Leben zu wenig Erfolgserlebnisse haben und sich daher den Erfolg einer Sportmannschaft zu eigen machen. Warum aber möchte nun niemand akzeptieren, dass ich das nicht möchte, dass ich das nicht brauche? Mein Fehler: Ich habe tatsächlich zwei male etwas kritisches auf Facebook gesagt, während der WM, einmal zu dem Verhalten einiger Menschen beim Spiel gegen Ghana, und der Tatsache, dass sich niemand ernsthaft mit so etwas auseinander setzt sondern das vom Großteil der Fußballfans das verteidigt und schönredet. Zum anderen habe ich einen doppeldeutigen Witz gepostet. Beide Beiträge wurden von bestimmten Individuen zerissen, und mir unterstellt, ich würde niemanden seinen Spaß gönnen, denken ich sei was besseres und Fußball nur aus Gründen meiner angestrebten Nonkonformität verteufeln. Ausgerechnet ich, der ich die ersten 20 Jahre meines Lebens alles dafür gegeben habe, so zu sein, wie jeder andere, dazu zu gehören, und erst jetzt nach und nach meine Individualität lieben und schätzen lerne. Aber ich habe nunmal den Fußball beleidigt und damit haben sich scheinbar gleich auch die Fans angegriffen gefühlt. Nicht alle, interessanterweise hat es einige der Hardcore-Fußballfans garnicht gestört. Dafür um so mehr alle jene, die nur alle 4 Jahre ihren Fußballgeist wieder entdecken. Genau diejenigen aber möchten es mir nicht eingestehen, dass ich mich dann auch einmal darüber aufrege, wenn ich wegen des Fußballs andauernd irgendwelche Nachteile in Kauf nehmen muss, weil hier nunmal nach dem Spiel Grundsätzlich die Öffis ausfallen, die ansonsten mehr als Zuverlässig laufen, ich mich also nicht mehr bewegen kann, und ich den typischen Fußballstrom meiden muss, weil ich sonst in irgendwas reingeraten könnte.

Die oben angesprochene starke Zusammengehörigkeit hat viel positives, aber sie stellt leider auch den Katalysator für die Gewallt dar. Wenn ich mich so sehr an etwas binde, dass ich die Erfolge als meine eigenen Empfinde als auch die Verluste mein Gemüt schmerzlich bedrücken, wenn ich jeden als Verwandten sehe, der die selben Farben trägt, dann fühle ich mich auch gekränkt, wenn jemand mein Team kränkt, und empfinde infolge dessen Kränkung und Wut all jenen gegenüber, welche die Farbe des Kränkenden tragen. Das ist der Grund für die Prügeleien und Gewalt und das beflügelt dann auch die Randalier-Lust. Wer Gewallt “kultiviert” wird sie sich salonfähig machen; und solange dies Geduldet wird, bilden wir uns eine immer gewaltbereitere und rücksichtslosere Gesellschaft heran. Das Ende der WM in Bremen:

Die WM wurde im CinemaxX, dem Werder-Kino in Bremen, live übertragen. Durch den strömenden Regen kam es dabei zu einem Stromausfall und dadurch zur Unterbrechung. Die Folge: Im Kino randalierend wurde dem Frust Luft gemacht. Dabei kam es in der Menge zu einem Streit, ein 22-jähriger zieht ein Messer und ersticht einen 19-jährigen, der 23-jährige Bruder der dazwischen geht, wird vom Messerstecher schwer verletzt und liegt im Krankenhaus; das Kino hat bis auf weiteres geschlossen und alle reservierenden und kartenkaufenden Menschen per Mail benachrichtigt. Wenn ich dazu etwas auf Facebook geschrieben hätte, hätte es wahrscheinlich wieder die immer selben Kommentare gegeben, denn wie gesagt, statt zu denken und zu hinterfragen, gibt man sich lieber dem Feiersog hin. Für das Kino und viele der dort feiern wollenden Menschen war es das nun wahrscheinlich erstmal mit WM und Feierlaune, genau so wie für die Familie, die nun einen Sohn verloren hat und um den anderen im Krankenhaus bangen muss; Radio Bremen interviewte eine Mutter, die mit ihren zwei Töchtern dort war, und die völlig traumatisiert erzählt, wie sie und ihre zwei Kinder (ich glaube sie waren 8 und 13) das ganze erlebt haben.

Und auch mich als WM-Unbeteiligten hat der Fußball – mal wieder – in meiner Freiheit behindert, denn eigentlich säße ich jetzt im Kino. Aber dem Großteil ist so etwas egal, Hauptsache wir kriegen die Linke Gewalt auf Demonstrationen unter Griff, indem wir ein vom Grundgesetz gegebenes Recht beschneiden und damit indirekt das kritische Denken und Hinterfragen unterbinden und verbieten. Und da die Freiheit des einen schon lange nicht mehr da aufhört, wo die des anderen anfängt, sondern der Dreiste und der Asoziale faktisch mehr Freiheit hat, als der rücksichtsvolle, fahren auch heute von Montag nach Dienstag noch um 1 Uhr vereinzelte Autos hupend an meinem Zimmer vorbei, und um 0 Uhr hat irgendwer gemeint, sich seiner restlichen Knaller zu entledigen; scheiß auf alle die, die morgen früh Aufstehen und arbeiten müssen, denn ich will noch einige Tage etwas von meiner Fußballeuphorie haben – wer das nicht verstehen kann ist ein typisch-deutsch meckernder Miesepeter!

Hätte ich das mal gebracht, wenn Franzi oder Anne uns mal wieder eine Goldmedaille geholt hätte, nach drei Häuserblocks wäre ich wahrscheinlich von der Polizei mitgenommen worden, wegen nächtlicher Ruhestörung und nichterlaubten Feuerwerkskörpern… aber während des Fußballs gelten natürlich andere Regeln, da kann auch schon mal jemand erstochen werden… ist ja Weltmeisterschaft!

ICH BIN WELTMEISTER! Schlaaaaand! Olé, olé!

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