Dis wo ich wohn…


Zwar mag mein Header einem noch das Gefühl vermitteln, ich wohnte noch in Kiel. Dem ist aber seit Oktober 2013 nicht mehr so – ich bin jetzt wieder Hanseat, wobei sich meiner Erfahrung nach bisher noch niemand so sehr mit der Hanse brüstete wie die Hansestadt, in der ich mich jetzt aufhalte. Und ich muss es wissen, denn als Hamburger bin ich sogar gebürtiger Hanseat, und in einer der älteren Hansestädte aufgewachsen. Auch in Lübeck, der Hauptstadt der Hanse war ich schon oft, und hatte nicht das Gefühl, dass die Leute sich überdurchschnittlich stark mit der Hanse identifizierten. Anders in Bremen, wo “hanseatisch” schon fast synoym zu Bremerisch aufgefasst wird; und das obwohl – oder vielleicht gerade weil? – Bremen eines der letzten Städte war, welche in die Hanse aufgenommen wurde.

Grade bin ich über ein interessantes Podcast-Projekt gestolpert und das hat mich nun doch dazu veranlasst, etwas über meinen neuen Wohnort hier zu schreiben. Denn leider – so wie es aussieht – werde ich schon in den nächsten Wochen wieder umziehen, und das Viertel, wie es hier – auch ganz offiziell – liebevoll genannt wird, wieder verlassen.

Älteste Ansicht Bremens (Holzschnitt von Hans Weigel d.Ä., 1564); Public Domain

Älteste Ansicht Bremens (Holzschnitt von Hans Weigel d.Ä., 1564); Gemeinfrei da Urheber über 100 Jahre tot.

Das Viertel, dass ist der Bereich vom Ostertor, welches zum Stadteil Bremen Mitte gehört, bis hin zum Steintor, welches schon zur Östlichen Vorstadt zählt. Historisch betrachtet wohne ich damit nicht direkt in Bremen, sondern gehöre zu dem Bereich, der sich gerade außerhalb der riesigen Wallanlage befindet, welche die historische Stadt Bremen umgab. Diese ist noch zu großen Teilen erhalten und auch die historische Stadt Bremen ist in einem Erhaltungszustand wie man es als “Küsten-Norddeutscher” dank der Fliegerangriffe im zweiten Weltkrieg durch die Engländer nicht gewohnt ist. Das Ostertor (heute im Prinzip nurnoch ein Straßenname) hat seinen Namen von seiner Lage; direkt vor dem Osttor der Stadt Bremen gelegen, gehörte dieses Land zunächst den Benediktinern, die auf diesem Land das direkt an die Stadtmauern angrenzende St.-Paul-Kloster errichten ließen. Wegen Streitigkeiten zwischen der Stadt und dem Bischoff wurde das Kloster jedoch später abgerissen, und um die im 17. Jahrhundert drohenden Gefahren einer immer reicher werdenden Handelsstadt auch auf dem Landwege zu sichern, wurde die Stadtmauer nach und nach durch die noch heute erhaltene Wallanlage ersetzt, die Bestandteil einer großen Befestigung wurde. Nur noch einige Straßennamen im dicht besiedelten Wohngebiet erinnern an das St.-Paul-Kloster.

Aquarell von George Ernest Papendiek des alten Hohentor um 1822, kurz vor dem Abriss gibt Aufschluss darüber, wie Imposant die Bremer Stadttore waren; Public Domain, da Urheber über 70 Jahre tot.

Aquarell von George Ernest Papendiek des alten Hohentor um 1822, kurz vor dem Abriss gibt Aufschluss darüber, wie Imposant die Bremer Stadttore waren; Gemeinfrei, da Urheber über 70 Jahre tot.

Das Steintor wiederum, welches sich außerhalb der Stadtmauer befand, verdankt seinen Namen nicht einem Tor; vielmehr wurde es nach dem Steinturm (Steinthorn) benannt, welcher zu der Befestigungsanlage gehörte, und eine Zugbrücke über den Dobben sicherte, die auf dem direkten Wege zum Osttor führte. Der Dobben wiederum war ein Fluss, welcher über einen Siel von der Weser gespeist wurde. Auf der Seite zur Stadt hin wurde hier ein Wall errichtet, sodass der Dobben mit dem Wall eine weitere Landwehr bildete und die Stadt, sowie die Siedlungen direkt vor den Stadtmauern zusätzlich sicherten. Der Wall vom Siel ausgehend wurde Sielwall genannt, und ist heute eine wichtige Straße, welche das Weserstadion mit dem Hauptbahnhof verbindet. Da sich der Hauptbahnhof nördlich von der Stadt befindet, kreuzt der Sielwall die Straße “Vor dem Steintor”/Ostertorsteinweg genau an der Stelle, wo sich der Steinthorn befunden hat (und wo sich die Straße umbenennt). Die kreuzende Straße führt zu den Wallanlagen und zur Innenstadt. Der Dobben existiert nicht mehr, der Bereich östlich vom Dobben zählt allerdings auch noch zum Stadtteil “das Viertel”.

Bremen um 1641, Abbildung von Matthäus Merian, d.Ä.; Public Domain da Urheber über 100 Jahre tot.

Bremen um 1641, Abbildung von Matthäus Merian d.Ä.; Gemeinfrei, da Urheber über 100 Jahre tot. Rechts in der Mitte des Bildes, oberhalb der Weser befindet sich das Osttor (24). Die davon ausgehende Straße führt geradeaus zum Steinthorn (25), in der oberen rechten Ecke. Der von den Toren eingeschlossene Bereich, sowie ca die selbe Fläche oberhalb des Steinthorns ist das heutige Viertel Bremens.

Insgesamt lebt es sich hier sehr schön. Die Straße “Vor dem Steintor”/”Ostertorsteinweg” ist eine Partymeile, es gibt hier viele Cafés, Kneipen und Restaurants, die sich dicht an dicht an der Straße tummeln, durch welche drei Straßenbahnlinien fahren, die direkt zur Stadt, oder zum Hauptbahnhof führen, und von dort aus, Anschluss an den Rest von Bremen bieten. Sechs der zwölf Kinos in Bremen finden sich in unmittelbarer nähe. Trotz Partymeile, dichten Straßen und 20h Einkaufsmöglichkeiten ist das Viertel aber auch als Wohnort sehr beliebt, da alle abzweigenden Seitenstraßen in ruhige Wohngebiete führen. Viele kleine Häuser tummeln sich hier dicht an dicht in den kleinen, grünen Straßen, die Nachbarschaft ist jung und interkulturell, wie auch schon die Vielfalt an Cafés und Restaurants vermittelt: Wer im Viertel essen geht, kann wählen zwischen Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Französisch, Indisch, Japanisch, Mexikanisch, Spanisch, Thailändisch, Türkisch,…; auch Vegetarisch setzt sich im Viertel durch – gleich drei rein vegetarische Restaurants bieten alles von klassischer Salatbar über ausgefallene Gerichte hin zu Fastfood – das sogar als Pizza-Lieferdienst; überall wahlweise auch vegan. Aber auch in alle anderen Restaurants kann man als Vegetarier gehen – das Burgerhaus, ein klassisches Fleisch-Restaurant bietet alle seine Burger auch in Varianten mit Halloumi, Falafel oder Soja-Bratling und der Imbiss um die Ecke wurde für den besten vegetarischen Hotdog ausgezeichnet.

Ostertorsteinweg Stadtauswärts - Hauptstraße des Viertels; Lizensiert unter CC BY-NC-SA by Zauri

Ostertorsteinweg Stadtauswärts – Hauptstraße des Viertels; Lizensiert unter CC BY-NC-SA by Zauri

Ostertorsteinweg Stadteinwärts - Hauptstraße des Viertels; Lizensiert unter CC BY-NC-SA by Zauri

Ostertorsteinweg Stadteinwärts – Hauptstraße des Viertels; Lizensiert unter CC BY-NC-SA by Zauri

Wen wundert es, bei einer Nachbarschaft aus größtenteils weltoffenen, links-intellektuellen Menschen? Kein Wunder also, dass auch ich mich hier mehr als wohl fühle. Direkt am Sielwall wohnend habe ich in 10 Minuten die Weser erreicht und kann mich zum Picknicken an die Deichwiesen legen, oder aber ich laufe ein Stück weiter und genieße den Park an den Wallanlagen. Die Innenstadt Bremens ist phenomenal, bestehend aus so vielen alten ehrwürdigen Gebäuden, wie dem Rathaus, dem St.-Petri-Dom, der Rolandsstatue oder der Bötcherstraße, mit seinem wundervollem Glockenspiel. Ein weiterer Ort, den man auch mehrmals gerne besucht ist das Schnoor, dass einem das Stadtfeeling im Mittelalter aufzeigt. Sportlich betätigen kann ich mich 24/7 beim nahe gelegenen Fitnessstudio. Und sowohl der CCCHB (ein Erfa-Kreis des CCC) als auch der Hackerspace Bremen e.V. haben in direkter Nähe ihre Lager in Form von Hackerspaces aufgeschlagen. Sneak und Kino-Filme gibt es – wie es sich gehören sollte – alle auch auf Englisch. Und weil man in Bremen verstanden hat, dass es jeder einzelne in einer Gesellschaft dazu beitragen muss, dass sich diese bessert, wird bspw. auch nichts weggeworfen. An mehreren Stellen im Viertel gibt es inoffizielle “Tauschkreise” – bring hin, was Du sonst wegwerfen würdest, vielleicht gefällt es jemand anderen; würde ich nichts besitzen, ich hätte mir hier einen ganzen Hausstand zusammen sammeln können: neben Besteck und Geschirr, Kleidung, Koffer, Schallplatten, Musik-CDs, VHS und DVDs, gab es hier auch schon Musikinstrumente (Gitarre) bis hin zu Möbeln (Weidenkorbstühle, Gartenmöbel, ein profesioneller Zeichentisch, …). In der Stadt gibt es das auch in offizieller Form, z.B. als Büchertauschhaus, dass schon mehrfach in den Medien war. Auch eine Kleidungstauschbörse war bis vor kurzem neben dem Büchertauschhaus aktiv. Viele junge Menschen versuchen hier auch, Kreativräume zu erschließen; als Beispiel seien hier das noon oder das AUCOOP genannt. Wenn man im Wohnzimmer sitzt und Hunger bekommt, bieten einen die Café-Besitzer an, sich doch einfach eine Pizza ins Café zu bestellen; und es gibt so viele weitere Beispiele, an denen man das Besondere am Viertel aufzeigen könnte…

Typische Wohnstraße im Viertel; Lizensiert unter CC BY-NC-SA by Zauri

Typische Wohnstraße im Viertel; Lizensiert unter CC BY-NC-SA by Zauri

Typische Wohnstraße im Viertel; Lizensiert unter CC BY-NC-SA by Zauri

Typische Wohnstraße im Viertel; Lizensiert unter CC BY-NC-SA by Zauri

Kein wunder, dass sich eine solche soziale, offene, intelligente, junge, kreative und natur- und gesellschafts-bewusste Einstellung auch in den Wahlergebnissen widerspiegelt:

Ergebnis Beiratswahlen, Bremen Östliche Vorstadt; Quelle: Wikipedia

Ergebnis Beiratswahlen, Bremen Östliche Vorstadt; Quelle: Wikipedia

Ergebnis Beiratswahlen, Bremen Mitte; Quelle: Wikipedia

Ergebnis Beiratswahlen, Bremen Mitte; Quelle: Wikipedia

Das spiegelt sich auch insgesamt im Bremer Landesparlament wieder, das in seiner Geschichte zu großteilen Rot, oder Rot-Grün regiert wird. Ein Auszug einiger interessanter Fakten aus der Wikipedia:

  • Bremen ist das einzige westdeutsche Land, in welchem die SPD seit Gründung der Bundesrepublik ununterbrochen die stärkste Fraktion im Landesparlament bildet.
  • Bremen war 1979 das erste Bundesland, in dem eine grüne Partei, die BGL (Bremer Grüne Liste), in das Landesparlament einzog.
  • Bremen ist das erste westdeutsche Bundesland, in dem Die Linke in das Landesparlament eingezogen ist (2007).

Wer bis hierhin gelesen hat, der wird sich jetzt sicherlich fragen, wie es dazu kommt, dass ich eingangs erwähnte, dass ich demnächst wahrscheinlich wieder wegziehe. Nun, das hat nichts mit meinem jetzigen Wohnort zu tun, sondern ist allein der Tatsache geschuldet, dass ich mit meiner Freundin wieder zusammen ziehen möchte. Nun wollen wir natürlich wirklich gerne hier im Viertel wohnen bleiben. Allerdings sind bestimmt 80% der Wohnungen hier Eigentumshäuser. Viele Hausbesitzer mit ihren jungen Familien vermieten Teile ihrer Wohnungen unter, und dies auch bevorzugt an junge Studenten. So wohnt sowohl meine Freundin als auch ich in jeweils 1-Zimmer-Wohnungen zur Untermiete. Eine 2-3-Zimmer-Wohnung lässt sich hier bei den vielen Häusern in Privatbesitz aber schwer finden. Und weil das Stadtteil hier so besonders ist (ja, intellektuelle und interkulturelle Stadtteile sind insgesammt sehr selten in Deutschland), wollen auch viele junge Leute hierher. Dementsprechend teuer lebt man hier. Für meine 1-Zimmer-Wohnung (15m2 Zimmer mit Küchenzeile, 5m2 Badezimmer) zahle ich hier die hälfte von dem, was ich in Kiel gezahlt habe – dort für eine komplette 3 Zimmer-Wohnung mit 60m2 nur für die Wohnfläche, exklusive großer Wohnküche und Badezimmer.

Eine der wikrlich wenigen 3-Zimmer-Wohnungen im Viertel liegen da dann leider weit jenseits unserer Studentenbudgets. Uns ist aber beiden klar, dass wir irgendwann wieder zurück ins Viertel wollen. Wer weiß, vielleicht wird es dann sogar das eigene Haus? 😀

Bis dahin freuen wir uns über eine größere, gemeinsame Wohnung inklusive Mietersparnisse – und andere positive Aspekte. Denn leider hat auch das Leben im Viertel seine Kehrseiten. Wie schon beschrieben, verbindet der Sielwall den Hauptbahnhof mit dem Weser-Stadion, zu dem ich ebenfalls ca. 10 Minuten zu Fuß brauche. Jedes Wochenende in dem ein Heimspiel des Werder Bremen stattfindet, verwandelt sich dieser Bereich des Viertels daher leider zu einem furchtbarem Ausnahmezustand. Saufende, randalierende, und wild kotzende und urinierende Fußball-“Fans” machen dann von Nachmittags bis spät Nachts gröhlend auf sich aufmerksam, und hinterlassen eine Schneise der Verwüstung. Ich bin immer wieder Baff, wenn ich sehe, wie der Hauptbahnhof und der Sielwall danach aussehen. In Hamburg wird schon für viel weniger ein Gefahrengebiet errichtet – in Bremen wird jedes Fußballwochenende mobil gemacht, denn die Fußball-“Fans” werfen auch mal gerne mit Bierfalschen nach Menschen, verbrennen Mülltonnen oder entwurzeln Straßenschilder; Fußball-Spielen auf der Hauptstraße ist da noch das harmloseste Vergehen. In was das ausarten kann, zeigt dieses erschreckende Video, direkt von der Sielwall/Steintor-Kreuzung, und damit wenige Gehminuten von meiner Wohnung entfernt:

Jetzt muss ich allerdings auch noch schnell den Bogen zum Anfang schlagen – dort sprach ich auch kurz den Auslöser für diesen Blogeintrag an. Dabei handelt es sich um ein Projekt des Bloggers Niklas Baring, der als GreenFleshEater sein Unwesen im Internet treibt. Ich weiß garnicht mehr, wie ich über seinen Blog und damit dann auch über sein Podcast-Projekt gestolpert bin. Die Idee zum Podcasting holte sich Niklas über Podcast-Ideen bei Tumblr, und legte dann auch gleich los: Klangfassade ist ein Podcast, der aus bis zu 10-Minütigen Episoden besteht, in denen nicht gesprochene Sprache im Vordergrund stehen, sondern das, was wir – würden wir es in einem Podcast hören – als Hintergrundgeräusche abstempeln würden. In Klangfassade stehen diese Geräusche im Vordergrund. Niklas bereist dabei unterschiedliche Orte, nimmt sein Stereo-Mikrophon mit, und nimmt damit die Geräuschkulisse auf. Die Ergebnisse sammelt und veröffentlicht er unter dem Podcast Klangfassade. Und da Niklas Bremer ist, sind natürlich verhältnismäßig viele Bremer Ecken dabei, die man mit seinen Ohren erforschen kann. Mit dabei: Das Viertel 😉

Also horcht doch mal rein, in die Geräuschkulisse, der ich mich täglich aussetze.


PS: Der Titel ist eine Hommage an Samy Deluxe – Dis wo ich herkomm. Hört es euch an, ist ein wirklich guter Song.

PPS: Übrigens wird es bei Gelegenheit auch eine neue Header-Grafik geben. Ich bin nur bisher noch nicht dazu gekommen, ein schönes Motiv zu knipsen (es soll wieder etwas eigenes werden!) und solange macht sich auch Kiel noch wunderbar, zumal ich auch Kiel in meiner Zeit dort lieben gelernt habe.

Advertisements

3 thoughts on “Dis wo ich wohn…

  1. Pingback: Inspiratinsquellen | ~ PygoscelisPapua ~

Please comment. I really enjoy your thoughts!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s