Vom falschen Optimismus und der Mähr über die vierte Kränkung


Ich freue mich gerade einen riesigen Ast über ein Zitat, über welches ich gerade ganz zufällig gestolpert bin. Dabei geht es um Sascha Lobo. So manch einer der mich persönlich kennt, wird wissen, was jetzt nur folgen kann. Für alle, die das nicht wissen – in meinem Blog habe ich es mir bisher nur erlaubt, mich in einer winzigen Randnotiz zu einem völlig anderen Thema kurz über Herrn Lobo auszulassen:

Auch schön – wenn auch nur eine Randnotiz wert, ist es, dass Spiegel Online nun scheinbar endlich seinen Pseudo-Internet-Experten Sascha ’Meinungsklauer-Clown’ Lobo gegen wirkliche experten ausgetauscht haben. Eine lobenswerte Entwicklung. Vielleicht endet sie ja so langsam doch, die Spaßgeneration, in der es nur einen lustigen Iro mit Schnurrbart und ein paar Fremdwörte + geklaute Konzepte aus dem Internet bedarf, um zum angesehenen Experten auf zu steigen.

Wer sich nun wundert: Sascha Lobo ist für mich vieles – ein guter Redner, ein Entertainer, ein Selbstvermarkter, jemand der in Marketing und Journalismus sehr gut aufgepasst hat. Das einzige was er nicht ist, ist das, als das er sich selbst verkaufen möchte: ein Internet-Experte. Schlimmer noch, bezeichnet er sich nicht nur so – er maßt sich an, die gesamte Internet-Gemeinde zu kennen, zu verstehen, und deren Sprachroh zu sein, für Medien und den “Normalbürger”, der nicht vernetzt ist. Dabei hat er keinerlei tiefer gehende Ahnung von der Materie und beschreibt im Prinzip nur Netzbeobachtungen und Trends, die er über Twitter oder einschlägige Blogs mitbekommt. Alles mit einer gehörigen Portion Arroganz – das ist für mich Sascha Lobo. Mehr nicht.

Und daher freut mich dieses Zitat aus dem Tagesspiegel so unglaublich:

„Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe“, schreibt Lobo. Im Grunde sagt der Internet-Experte damit jetzt das, was Angela Merkel mit Blick auf den NSA-Skandal so vermeintlich unglücklich formulierte: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ (…) In Wirklichkeit, da hatte die Kanzlerin dann wohl doch Recht, sind wir alle noch Digital Naives und jetzt ist es Sascha Lobo auch noch allen voran.

Einfach nur wunderbar. Der angebrachten Kritik an Sacha Lobos Aufruf, um diesem Blog-Eintrag nun doch noch ein bisschen mehr Sinn zu geben, als mich nur über Herrn Lobo zu beäumeln, möchte ich noch etwas hinzufügen.

Die Kritik des tagespiegel.de nämlich, neuen Optimismus zu finden, teile ich, wenn auch aus anderen Gründen. Denn letztendlich ist es doch dieser all zu überschwängliche Optimismus, mit dem wir uns den Strick selbst umlegen. Wer schon immer vor dem klick auf “Teilen/Veröffentlichen” kurz noch einmal überlegt hat, ob er dieses oder jenes nun auch wirklich teilen möchte, oder nicht – ob er diese Meinung so auch in 10 Jahren noch vertreten kann, ob er damit auch souverän umgehen kann, wenn der potentielle Arbeitgeber einem dies plötzlich in einem Bewerbungsgespräch unter die Nase setzt, und wer sich auch die Gefahren vor Augen führt, die eine solche Äußerung bewirken kann (etwa Einreiseverbote in gewisse Länder, oder aber die angesägte Sproße auf einer späteren Karriereleiter (z.B. in der Politik)), und sich trotz allem sicher ist, dass er das tun möchte: Nun dem kann freilich auch der NSA-Skandal in dem Maße egal sein, als dass er nun nicht befürchten müsse, dass er einen starken Nachteil davon tragen würde.

Wer zudem dann auch fleißig seine Mails verschlüsselt hat (Wieso? Das wird doch schon seit den 1980gern erklärt: Eine E-Mail ist wie eine Postkarte – so wie jeder Postbeamte sie auf dem gesamten Beförderungsweg lesen kann, so kann auch eine E-Mail von jedem Knotenpunkt im Klartext gelesen werden – ohne das hier jemand erst anfangen müsste, ausgeklügelte abhörsysteme zu entwickeln!) der wird sich sagen: Viel Spaß beim Entschlüsseln, NSA. Ja, knackbar wird auch so eine verschlüsselte Mail mit dem entsprechenden Aufwand sein. Dann aber zwischen den 5 000 Mails, die ich schon in meinem Leben verschlüsselt versendet habe, die Hand voll zu finden, die auch wirklich relevant wären… Und jetzt stelle man sich nur vor, jeder Deutsche hätte das von Anbeginn an gemacht – die Stromrechnungen der vielen heißlaufenden Superrechner, welche alle daran beteiligt wären die gesamten Verschlüsselungen ettlicher Millionen Deutscher zu knacken, wären enorm. Das Brechen der Mails käme im Schneckentempo voran. Und am Ende sind es dann doch nur die Weihnachtsgrüße an Omi, die der schon ungeduldig werdende NSA-Agent mit großer Enttäuschung in Empfang nehmen darf.

Aber es ist doch erst der falsche Optimismus, den Lobo jetzt wieder in uns keimen sehen möchte, damit jeder wieder seine Schuhgröße ins Internet stellt, der das Internet zu einer Gefahr macht. Wenn ich dann wieder im beflügelten Optimismus jedes soziale Event sofort mit Fotos belege und auf Facebook stelle, so dass jeder sehen kann, wer sich wann mit wem getroffen hat, um sich ordentlich zu besaufen. Oder aber, die dafür sorgt, dass jemand bei Foursqure möglichst jeden Ort, an dem er vorbei läuft eincheckt. Oder aber, ohne drüber nachzudenken, jedes beliebige Foto ungefiltert gleich online stellt, auf Photobucket, flickr, oder Konsorten – GPSGeodaten der Kamera als Exif im Bild inklusive, so das jeder Stalker ein leichtes hat, anhand der Geodaten der gemachten Bilder des Objekts seiner Begierde heraus zu finden, wo diese Person wohnt, oder sich regelmäßig aufhält. Nein, der Optimismus sorgt dafür, das Internet als eine Spielwiese zu sehen, und Leute die schon vor 30 Jahren vor den gefährlichen Überwachungsmöglichkeiten gewarnt hatten, als esoterische Spinner abzustempeln. Dabei ist das Internet nichts anders als ein Spiegel unserer Gesellschaft – mit all seinen Schönheiten, allerdings auch mit allen seinen Hässlichkeiten. Wenn ich in der realen Welt mein Auto mit steckendem Zündschlüssel und offenen Türen irgendwo für 2 Stunden unbeaufsichtigt abstelle, dann wundert es mich doch auch nicht, wenn dieses danach weg ist? Wenn ich meine PIN auf meine EC-Karte schreibe, wird mir dann nicht meine Bank zurecht keine Schadensansprüche zahlen? Würde ich als junge Fotografin jedem noch so anrüchigem Kerl gleich meine Adresse mitteilen, wenn ich mitbekomme, dass er sich irgendwo meine Fotos anguckt? Würde ich dem Vertreter an der Tür wirklich meine Kreditkarte ausleihen, damit er mir im Gegenzug morgen magische Bohnen für einen Freundschaftspreis verkauft?!

Was es bedarf – und da kann ich dem Artikel des Tagesspiegel dann wieder voll zu stimmen, ist weder Optimismus noch Pessimismus – sondern ein gesunder Realismus, der sowohl alle Möglichkeiten als auch alle Gefahren erkennt, und beide gegeneinander aufwiegt. Da ist es dann auch egal, dass Herr Lobo der Auffassung sei, Verschlüsselung sei für den Endnutzer zu kompliziert. Das stimmt doch garnicht? Es ist genau so kompliziert, wie sich eben einen AdBlocker bei Firefox zu installieren und ein Konto bei Dropbox zu eröffnen. Das anschließen meines Fahrads mit idealerweise zwei dicken schlössern, die jeweils durch Rad und Rahmen gehen, ist ebenfalls aufwendig – viel aufwendiger als auf den Verschlüsseln-Knopf von PGP zu drücken und anschließend mein 15-Zeichen-Passwort einzugeben. Trotzdem, wäre die Mail das Fahrrad würden wir es unangeschlossen stehen lassen. Man würde meinen, da liefe jemand mit einer rosaroten Brille durch die Welt und denke er reite auf einem fliegenden Einhorn…

Würde man ein bisschen weniger geblendet von der schönen neuen Welt ins Internet gehen, dann wäre auch Lobos pathetische “vierte Kränkung der Menschheit”, mit der er sich in seiner pseudo-intellektuelen Art in die Reihen von Kopernikus, Darwin und Freud setzten möchte (wobei Lobo auch Verständnis dafür zeigt, dass nicht jeder sich im Detail mit dem Psychoanalytiker auseinander setzten möchte 😀 ), nichts weiter als großer Blödsinn. Denn die Welt, die er sich erträumt hat, und nun als Utopie erkennen muss, hätte ein wirklicher Digital Native als welchen er sich sieht, sicherlich nicht geglaubt – schwadroniert er doch von unendlicher Freiheit, unbegrenzter Entfaltungsmöglichkeit, ja sogar vom “digitalen Freigarten der (…) Kultur” – preist Lobo hier etwa die Urheberrechtsverletzungsmentalität? Dabei warnt doch jeder, der sich ein winziges bisschen auskennt, der wirklich als “Digital Native” bezeichnet werden könnte, jedoch in der Regel den bodenständigen Begriff Hacker vorzieht, und nicht, wie Herr Lobo immer neuere Denglische Wortkreationen a la “Webciety” erstellen muss, um sich im Individualistenstreben ständig neu zu definieren, seit mindestens den 80gern in Deutschland vor den Gefahren. Zu nennen sei hier beispielsweise der Chaos Computer Club, der sich seit 1981 auch als Verein mit diesen Themen beschäftigt, oder der Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs, der seit 1987 neben euphorischen Interesse mit der Technik auch weiß, welche Risiken von ihr ausgehen!

Zu der Zeit aber wusste das selbsternannte Sprachrohr für der Internetgemeinde wahrscheinlich noch recht wenig vom Internet. 1975 geboren, durchläuft Lobo zunärcht verschiedene Studiengänge: Lebensmittel-, Brauerei- und Biotechnik an der TU Berlin, dann Publizistik an der FU Berlin und schlussendlich Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin, welches er 2003 beendete. Schon danach will er hoch hinaus und gründet eine Werbeargentur, die er allerdings ein Jahr später in die Insolvenz geführt hat. Nun muss er für andere arbeiten, erstellt vor allem Werbetexte. Und entdeckt dabei dann das Internet, dem er erst 2005 als Blogger beitritt. 25 Jahre, die er der Hackerszene hinterher ist – aber nur die hochmütige Arroganz eines Lobos schafft es, sich dennoch als Internetpersönlichkeit hochzuarbeiten. Dank Marketinganteil seines Studiums weiß er, dass er herausstechen muss, als Marke sowohl Blickfänger sein als auch Wiedererkennungswert haben muss, und lässt sich daher einen markanten Schnurbart wachsen, und sich einen Iro schneiden, den er fortan in der Öffentlichkeit rot gefärbt zu seinem blauen Anzug trägt. Ein-zwei tatsächlich gut formulierte Redebeiträge, etwa zur “Trollforschung“, sowie mehrere Feuilleton-Beiträge, und Sascha Lobo wird zur Internetpersönlichkeit, drängt sich in mehreren Medien als Internetexperte auf, und macht sich selbst zum Führer der deutschen Internetgemeinde, die er mit folgenden Worten beschreibt: “[Die] vermeintlich Verblödeten, Verrohten, Dummgesurften sind mehrheitlich noch nicht in einem Alter, in dem sie gesellschaftliche Führungspositionen besetzen könnten.” – deshalb, so sagt er, hat er diese Rolle eingenommen.

Die vierte, digitale Kränkung der Menschheit: Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt.

Mich, wie auch so viele andere, die sich schon sehr viel länger und auch intensiver mit der Technik auseinander setzten, wundert das nicht. Im Internet hat sich für mich nichts geändert. Das einzige was mich verwundert ist der tatsächliche Umfang – das haben sich selbst die stärksten “Verschwörungstheoretiker” ich nenne sie eher Realisten(!) so nicht ausmalen können. Hier habe ich zwischen 2000 und 2005 Links, Bilder und auch Texte zu den Gefahren gesammelt – hier habe ich die Reaktionen dazu dargestellt. Auch weil dies Medienvertreter, wie auch Sascha Lobo nicht wahrhaben wollten. Warum den langhaarigen, komischen Hackern glauben, die sich seit 25 Jahren mit dem Internet und seinen Möglichkeiten auseiander setzten, wenn man auch optimistisch von einer Utopi schwadronieren könnte? Auf die Nase ist Herr Lobo damit schon mal gefallen. Jetzt will er es wohl wieder tun.

Das Internet ist kaputt

schließt Sascha Lobo noch, und klingt dabei wie so viele ahnungslose Nutzer der Supporthotlines, die damit eigentlich ausdrücken wollen, dass an ihrer Netzwerkeinstellung etwas nicht stimmt.

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One thought on “Vom falschen Optimismus und der Mähr über die vierte Kränkung

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