Oh wie gerne…


… würde ich allen Idioten, die sich damals über mich lustig gemacht haben, den Artikel um den es in diesem Beitrag geht, ausdrucken und ins Gesicht wischen.

Diesen Artikel habe ich vor fast 10 Jahren geschrieben, als ich das erste mal über die AGB eines Dienstes gestolpert bin, diese auch tatsächlich gelesen habe, und mir dann kritisch überlegt hatte, ob ich das was da steht auch wirklich möchte, welche Implikationen das beinhaltet, und welche möglichen Auswirkungen (egal ob nun in jedem Fall realistisch oder nicht) das mit sich führen könnte. Dabei ging es mir in dem Text garnicht so sehr darum, eine tatsächliche und realistische Gefahr darzustellen, sondern viel mehr für das kritische Lesen von AGBs zu sensibilisieren. Ich bin heute garnicht mehr so stolz auf die Art und Weise der Präsentation, ich stehe aber immer noch voll und ganz hinter dem Inhalt, den ich dort zusammen getragen habe.

Die Reaktionen: Ich habe einiges positives Feedback bekommen und war sogar für einige Zeit in der Wikipedia verlinkt, was mich sehr geehrt hatte. Der Großteil aber verlachte mich. Esotheriker, Spinner, krankhafte Paranoia (sollte man einweisen), Hoax-Verbreitung, Schwachsinn, dümmliche Propaganda, der hat bestimmt Jabber erfunden, das ist ein Mitarbeiter von dieser Firma, der will nur Werbung für seinen Messenger machen, der ist wahrscheinlich alleine in diesem komischen Jabber und braucht neue Freunde…

Besonders schön fand ich die Pseudoberechnungen, die darauf kamen, dass es unmöglich sein muss, das ICQ eine Speicherung übernehmen könnte weil das mehrere hunderte Terrabyte sein müssten (und – wir reden von 2004 – damals war das scheinbar auch nicht vorstellbar, dass solche Datenmengen irgendwo gespeichert sein könnten – nur weil es für den Endanwender noch keine Terrabyte-Festplatten gab…).

ich hab seit januar knapp 50mb logfile.. also sagen wir ma im jahr 100 mb.. un sagen wir ma icq hat 100000 user.. also sin dat 9,5367431640625 terabyte im jahr.. un ich glaub es gibt mehr user.. un wnen die auch noch ein/ausloggen, ips, dateien us loggen ham die nen 100tb server oder so pro jahr.. pure panikmache um für die messenger im text zu werben…

(einer der vielen schlauen Geister)

Man war sich also einig. Ich kann nicht rechnen, und bin ein psychopatischer paranoider Spinner, der besser in die Klapse gehörte, oder ein Hoaxverbreiter oder dreister Werbelügner im Auftrag von Jabber daselbst. Eine Überwachung in dem Ausmaße, wie sie per ICQ stattfinden könnte (und dieses Recht nahm sich die ICQ Inc. ja indirekt mit der Passage heraus), ist, so war man sich einig, die Vision eines irren Spinners.

Das war 2004.

Szenenwechsel.

Juli 2013, 9 Jahre später.

Die Realität? NSA-Abhörskandale PRISM, sowie XKeyscore, GCHQ-Abhörskandal Tempora. Deutschland ist eines der Hauptziele, amerikanische Infrastruktur- und Webservice-Anbieter, sei es Google, Microsoft, Apple, Facebook, Yahoo!, YouTube, Skype, sowie AOL (und damit auch ICQ) und weitere haben sowieso alle Hintertüren für den Geheimdienst eingebaut, und was damit nicht an gespeicherten Daten erbeutet werden konnte, wurde direkt am durchsatzgrößten Internet-Knoten der Welt, nämlich dem DE-CIX in Frankfurt abgefangen. Derjenige, der all das Aufgedeckt hat, Edward Snowden, wird jetzt von den USA vom FBI gesucht, drei Vergehen (Diebstahl von Regierungseigentum, widerrechtliche Weitergabe geheimer Informationen, sowie Spionage) werden ihm durch seine Tat der Aufdeckung vorgeworfen – jede dieser Straftaten wird jeweils mit 10 Jahren Freiheitsstrafe belegt – und als Spion verbringt er diese 30 Jahre in den USA in menschenunwürdiger, Folter-gleichkommender Einzelhaft. Von 21 Ländern, bei denen der flüchtige 30-Jährige Asyl gesucht hat, haben 18 Länder abgelehnt, nur Russland, Venezuela und Bolivien wären bereit, Snowden aufzunehmen. Dazu müsste er es allerdings schaffen, in eines dieser Länder zu kommen – die meisten Ländern würden ihn ausliefern, vermeindliche Flugzeuge, in denen Snowden hätte sitzen sollen, wurden schon von Partnerländern der USA von der Luft geholt.

Deutschland ist größtenteils schockiert, das Volk versteht nicht, wieso die Regierung auf Snowdens Gesuch mit folgender Stellungnahme antwortet, wo der Whistleblower doch vor allen uns Deutschen die Augen geöffent hat, die wir einer der Hauptziele dieser Programme sind:

Das Auswärtige Amt und Innenministerium sehen die Voraussetzungen für Snowdens Aufnahme nicht erfüllt.

Und so sind wir empört, wissen nicht, was wir mit der Nachricht, komplett ausgespäht worden zu sein, anfangen sollen und begreifen auch noch nicht so ganz das Ausmaß dieser Aktion. Und es ärgert uns, dass Kanzlerin Angela Dorothea Merkel, für uns alle Sprechend das Internet als #Neuland bezeichnet, uns gegenüber Amerika als dumme Internetanfänger outet und gleichzeitig den Abhörskandal rechtfertigt und mit Obama auf Schmusekurs geht – ausgerechnet der junge, dynamische, sympatische erste schwarze Präsident der USA und Friedensnobelpreis-Träger – ein Demokrat! – in den doch die gesamte Welt all ihr Vertrauen gesteckt hat, hat ein Spionagefall zu Verantworten, der ihn gleichauf zu seinem Vorgänger Bush junior stellt, welcher doch nur immer mit all seinen Taten Vater stolz machen wollte und daher lediglich zuende führte, das Bush senior angefangen hatte.

In Internet-Diskussionen werden vereinzelt gar abstruse Forderungen gestellt. So sei die Sicherung personenbezogener Daten nicht Aufgabe des Einzelnen, sondern des Staates. Aussagen, wie etwa die vom CSU-Politiker Hans-Peter Uhl werden zerissen:

“Wer seine Daten sichern will, wird sie wohl verschlüsseln müssen und kann nicht mehr auf seinen Nationalstaat hoffen”, mahnte auch der innenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Hans-Peter Uhl. Die globalen Kommunikationswege hätten tiefgreifende Folgen: “Herkömmlicher Datenschutz, durch nationale Gesetze organisiert, stößt an seine Grenzen”, sagte der CSU-Politiker.

An die Grenzen sind wir schon lange gestoßen – sogar im Wahrsten Sinne des Wortes – alleine deshalb, weil 26 Millionen Deutsche aktiv Facebook nutzen, 6,7 Millionen Google+, und die Twitter-Nutzung bei etwas unter einer Millionen liegt. Könnte man die Zahlen einfach aufsummieren (kann man natürlich nicht, weil hier durchaus Nutzern in allen drei Netzen vertreten sein können), käme man darauf dass 42% der Deutschen sich und ihre Daten US-Amerikanischen Firmen und damit der dort vorherschenden Gesetzgebung anvertrauen – denn die deutsche Gesetzgebung endet an unseren Landesgrenzen, an denen Politiker sich jetzt die Beine stoßen. Aber auch wenn alle Google+ und Twitter-Vertreter auch bei Facebook wären, kämen wir immernoch auf ein stolzes Drittel der Bevölkerung – und da sind ICQ, MSN, Yahoo!, Instagram, und viele weitere Dienste noch garnicht mit berücksichtigt! Unter den Nutzern befinden sich natürlich auch Unternehmen, Dienstleister, Politiker, und andere staatlich angestellte Personengruppen, etwa Lehrer die beispielsweise Facebook bisher sogar schon für ihren Lehrauftrag als Werkzeug verwendeten.

Wie könnte – selbst wenn er wollte – der Staat diese Aufgabe auch nur annähernd erfüllen? Es gibt keine nationalen Grenzen im Internet, es gibt keine internetweit gültigen Gesetzte – und für den Großteil der Anwendungen ist dies auch verdammt noch mal gut so! Wer sich Gedanken um seine Kommunikation und seine Daten macht, sollte ohnehin nicht einen von Lobbyisten gelenkten Staat vertrauen, der Raubkopierer für 5 Jahre hinter Gitter steckt, Vergewaltiger aber nach 3 Monaten bei guter Führung auf Bewährung wieder heraus lässt. Mit Gesetzen wie der Voratsdatenspeicherung, oder auch der Bestandsdatenauskunft (hier die Landesabstimmung in Schleswig-Holstein), hat die Regierung sich nicht gerade um das Vertrauen unserer Daten verdient gemacht.

Und so muss man – auch als CDU/CSU-Gegner – dem Herrn Uhl doch – zumindest dieser Teilaussage – zustimmen. Es ist die einzig richtige Empfehlung, welche die Regierung aktuell aussprechen kann. Informationelle Selbstbestimmung trägt schon das Wörtchen “selbst” in sich, und das man ein Recht darauf hat, heißt, dass man jeder Zeit “Nein” sagen kann, wenn Daten einem abgegriffen werden. Um dieses “Nein” im virtuellen Zeitalter, in welcher der Großteil unserer digitalen Kommunikation unverschlüsselt im freien Internet unter Passage beliebig vieler Geräte die nicht in unserem Hoheitshorrizont liegen – und von diesen folglich frei abgegrifen werden können, durchsetzen, bzw. überhaupt erst aussprechen zu können, bedarf es Verschlüsselung. Denn das Wörtchen “selbst” beinhaltet auch, dass ich mich selbst darum kümmern muss, welche Informationen ich in welchem Ausmaß und an wen weitergebe. Schreie ich sie in die Welt hinaus, darf ich mich nicht wundern, wenn Leute zuhören, an die das vielleicht nicht gerichtet war, und die das nie hätten hören sollen.

Ich bezweifele das Herr Uhl das verstanden hat – sonst wären die Ausführungen zur Existenz dieses Grundrechtes nicht gefolgt. Nichts desto trotz bleibt es richtig, dass es wieder Zeit wird, dass wir mündig werden, und den Mut aufbringen um uns aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit hinaus zu führen.

Seit 2003, seit ich mir meinen ersten GnuPG Key erzeugt habe, weil ich verstand, dass man Mails im Klartext abfangen kann (ja, ich habe das im eigenen Haushalt selbst ausprobiert – das sollte jeder mal tun, das öffnet einem die Augen), versuche ich meine Mitmenschen davon zu überzeugen, GnuPG zu verwenden. Von mehreren 100 Menschen (Schule, Ausbildung, Vereine, Freunde, Arbeit, Studium 1, Studium 2, Familie, Internet (ICQ, Jabber, Mail-Kontakte, Foren, Facebook, StudiVZ, ….)) haben lediglich drei sich überhaupt die Mühe gemacht, sich das an zu gucken – dann übrigens gemerkt, dass das ja ganz easy und kein Hexenwerk ist, und das es nicht anders funktioniert als das Installieren eines Plug-In für bsp. Firefox, und jetzt nutzen die das Aktiv, wo immer es geht.

Die Techniken sind für den Entanwender so einfach geworden wie noch nie – bei Messenger bspw. benutzt man auch schon lange kein GnuPG mehr, sondern die Off-the-Record Verschlüsselung, die fest in unterstützende Clients integriert ist, und für die man nichts mehr machen oder einstellen muss.

Wer sich also vorher noch nie Gedanken zur Verschlüsselung seiner Daten gemacht hat, weil er die Leute, die dies geprädigt haben, als pranoide Spinner abgetan hat, der sollte wenigstens jetzt wachgerüttelt sein, um sich um seine Privatsphäre zu kümmern.

Der perfekte Zeitpuntk also um Aufklärung zu betreiben. Und das mache diesmal nicht ich – ich habe das vor 10 Jahren getan. Heute lasse ich den großen, etablierten Medien, wie etwa Spiegel den Vortritt: In seiner Online-Ausgabe haben die Journalisten Friedrich Lindenberg und Christian Stöcker vor einigen Wochen schon erklärt, welche Gefahren bei E-Mail lauern, und wie man es mit wenigen Schritten hinbekommt, seine E-Mails zu sichern. Heute geht es noch einen Schritt weiter, denn – ich darf Zitieren? – Herr Stöcker klärt auf:

[A]uch Chatclients sind nicht sicher vor den Überwachern. AOL, der Betreiber des AIM-Systems, gehört sogar zu den Unternehmen, deren Logos auf den Prism-Folien der NSA auftauchen, die Edward Snowden enthüllt hat.

Soso. Es wird aber noch interessanter:

Es gibt aber Möglichkeiten, sicher und dennoch komfortabel zu chatten. Wer den sogenannten XMPP-Standard (früher: Jabber) nutzt, hat die Möglichkeit, seine Chats jederzeit und mit sehr geringem Aufwand zu verschlüsseln. Wer einen XMPP-Client statt AIM, ICQ oder einem anderen Messenger nutzt, hat dadurch sogar Vorteile […]

Was? Jabber statt ICQ? Verrückt, was? Und dann wird Pidgin vorgestellt, erklärt wie man seinen Jabber Account einrichtet, und auch auf alternative Plattformen und Clients eingegangen, alles unter dem Titel Schutz gegen Internet-Spione: So chatten Sie verschlüsselt. Kommt euch bekannt vor, was? Hätte vor 10 Jahren wahrscheinlich keiner Gedacht, dass Texte die ich damals verfasst habe, heute in ähnlicher Form bei Spiegel Online zu finden sind. Ich finde es jedenfalls große klasse, denn das Magazin erreicht eine viel größere Masse als ich jemals zu träumen wage. Mit meiner kritischen Auseinandersetzung zu ICQ stand ich damals (Sommer 2004) noch komplett alleine da (ich habe ordentlich und viel recherchiert, und den Text auch nur deshalb verfasst – damals als Web 2.0 Skeptiker – weil es eine solche Abhandlung bisher noch nicht gegeben hat!).

Später kamen einige kleinere Seiten dazu, etwa deshalb frei.org, welche mit mir Kontakt auf nahm, weil sie meine Texte verlinken und umschreiben wollten. Der entstandene Text sehr professionell geworden und selbst nach 10 Jahren werde ich noch in den Quellen erwähnt 🙂 – der dort vorliegende Jabber Guide schlägt meinen jedoch um längen. Wenn nun die wirklich großen Medien folgen, kann ein Umdenken auf dieser Ebene bei sehr viel mehr Leuten angestoßen werden. Schön!


P.S.: Auch schön – wenn auch nur eine Randnotiz wert, ist es, dass Spiegel Online nun scheinbar endlich seinen Pseudo-Internet-Experten Sascha ‘Meinungsklauer-Clown’ Lobo gegen wirkliche experten ausgetauscht haben. Eine lobenswerte Entwicklung. Vielleicht endet sie ja so langsam doch, die Spaßgeneration, in der es nur einen lustigen Iro mit Schnurrbart und ein paar Fremdwörte + geklaute Konzepte aus dem Internet bedarf, um zum angesehenen Experten auf zu steigen. Mein Gemeinschaftskunde-Lehrer Herr Blöß prädigte jedenfalls schon seit dem 11. September 2001, dass die Spaßgesellschaft vorbei sei.

P.P.S: Diese neu eingetauschten Experten schreiben übrigens gerade fleißig an ettlichen Beiträgen, z.B.

So kenne ich die SpOn noch garnicht, das lädt richtig zum Schmöckern ein 😉

Advertisements

3 thoughts on “Oh wie gerne…

    • Das ist ja nur ein temporärer Zustand, bis ich meinen Key gebruteforced habe… ich muss irgendwo dummerweise einen kleinen Zeichendreher drin haben, oder sowas 😦

      Wieso funktioniert eigentlich Dein Gravatar nicht mehr?

  1. Pingback: Vom falschen Optimismus und der Mähr über die vierte Kränkung | ~ PygoscelisPapua ~

Please comment. I really enjoy your thoughts!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s