Sweden’s Closet Racists (NYT Artikel) – ein Kommentar


Den Artikel der New York TimesSweden’s Closet Racists – hat gestern ein Kommilitone bei Facebook geteilt, und ich hab ihn, aufgrund des komisches Titels dann mal gelesen, nachdem ich ihn die ersten 3-4 male, die er mir auf Facebook auffiel, ignoriert hatte.

Der Artikel ist von Jonas Hassen Khemiri geschrieben – einem gebürtigem Schweden mit ausländischen Wurzeln. Er beschreibt in dem Artikel den Alltag, den dort ein ausländischer Mitbürger erlebt, und das ist schon ziemlich erschreckend. Aber selbst wenn man nicht in Schweden lebt, so kommt einem doch das ein oder andere irgendwie bekannt vor – vorausgesetzt man hat ebenfalls einen sichtbaren Migrationshintergrund!

Wenn man anderen davon erzählt, wollen die das garnicht so wahrhaben, können das oft auch nicht nachvollziehen, da sie diese Erfahrung nie selbst gemacht haben. Eine Mitschülerin (Afrikanerin) sagte in einem Klassengespräch mal, dass man es Nazis in den Augen ansehen könnte. Es entbrannte eine Diskussion ob das jetzt wieder ein Vorurteil sei. Ich konnte sie verstehen, und versuchte es in Worte zu fassen. Es ist eine Mischung aus Ekel, Abscheu, Hass und Überlegenheit, die man meist in den Blicken sieht, oft mit einem überheblichen Grinsen – und der eben nur einem selbst, als Ausländer gilt, und erlischt, wenn der Gesprächspartner jemand anderes, Deutsches ist. Weitere Mitschüler ausländischer Herkunft konnten das bestätigen – der Großteil der Klasse war immer noch skeptisch und meinte, man bildete sich was ein.

Ich persönlich rede eigentlich ungern über so etwas – man stellt sich als Opfer einer ungerechten Behandlung dar, etwas das ich prinzipiell schon sehr ungern tue. Und oft erntet man Mittleid, was ich schon gar nicht abkann. Ich möchte normal behandelt werden, völlig unabhängig davon, wie ich aussehe oder wo mein Vater herkommt, möchte behandelt werden wie jeder andere, weder bevorteilt noch benachteiligt werden – ich bin in der Beziehung wie jeder andere, bin hier groß geworden, betrachte Deutschland als meine Heimat in der es mir größtenteils auch sehr gut geht, bin Teil dieser Gesellschaft und dieser Kultur.

Aber ab und zu muss man halt doch darüber sprechen und darauf aufmerksam machen, denn in der Regel kriegt so etwas keiner mit, der nicht selbst betroffen ist. Man ist wahrscheinlich schockiert wenn man den Artikel über Schweden liest, ob der schwedischen Zustände – dabei sieht es hier nicht unbedingt anders aus. Ich gebe zu – es ist viel weniger Extrem als die Darstellungen von Khemiri über die Lage in Schweden. Das heißt aber nicht, dass es das hier nicht auch gibt. Daher hier mal die Parallelen zu meinen Erlebnissen, ein bisschen mit der Hoffnung, dass dadurch vielleicht ein kleines bisschen mehr Bewusstsein geweckt wird…

(Zitate sind, wenn nicht anders vermerkt aus dem Artikel der New York Times)

Ich selbst bin auch relativ früh mit Fremdenhass konfrontiert worden – in der Grundschule, über meine Klassenlehrerin und noch viel mehr über die Klassenlehrerin der Parallelklasse. Das zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass all diejenigen, die ausländisch waren, oft häufiger und härter bestraft wurden – und das man uns viel seltener geglaubt hatte. Das machte sich fast täglich bemerkbar, daher hier nur ein Beispiel von vielen, die mir noch in Erinnerung geblieben sind: Einmal war ich in der Grundschule in einer Schlägerei verwickelt, die ich nicht begonnen hatte. Aber selbst als zwei türkischer Mitschüler (die mich übrigens nicht kannten, weil sie aus einer anderen Klasse waren, und folglich auch keinen Grund zum Lügen gehabt hätten) bezeugten, dass ich das nicht angefangen hatte und der andere (deutsche) Schüler das provoziert hatte, wurde mir kein Glaube geschenkt. Statt des glaubte man die Variante des Jungens mit dem ich mich geprügelt hatte – ich hätte seine Mutter beleidigt und danach auf seine Aufforderung das sein zu lassen, einfach auf ihn eingetreten (es war übrigens ich der auf dem Boden lag, und auf den eingetreten wurde – der Junge hatte keinen einzigen Schlag abbekommen!)

He says, “When you look like we do, you must always be a thousand times better than everyone else if you don’t want to be refused.”

Am Tag drauf war Schwimmen, und ich hörte wie meine Klassenlehrerin der Klassenlehrerin der Parallelklasse davon erzählte, dass sie mich bestraft hatte, weil ich eine Schlägerrein begonnen hätte. “Ja, die T.s” (mein Nachname), “typisch” kam als Antwort. Darauf meine Klassenlehrerin “Wobei die Mutter ja eine ganz anständige Frau ist” – “Ehrlich?” – “Ja, das ist eine Deutsche”…

So etwas prägt einen als Kind natürlich sehr. Zunächst versuchte ich ebenfalls, so gut wie möglich zu sein – besser als alle anderen. Aber wenn das nicht hilft, kehrt sich das ganze auch schnell ins Gegenteil um – Frust machte sich breit, ich wurde zum Trotzkind, zum Problemkind – mir scheißegal – wenn es egal ist, wie ich mich verhalte, dann kann ich auch scheiße sein. Keine Hausaufgaben mehr gemacht, den Matheunterricht komplett geschwänzt, das Mitteilungsheft zugeklebt, damit die Lehrerin vergisst, was sie reingeschrieben hatte – das brave, liebe, intelligente Kind wurde zum Rebell

Fuckt the world if they can’t understand me
What else could I do?
(…)
Feel the rage this world has bestowed upon me
And I don’t give a fuck cause they don’t give a fuck ’bout me

(2Pac fat. Ja Rule – So much Pain)

Es machte natürlich nichts besser, im Gegenteil. Aber es soll hier auch weniger um meine persönliche Entwicklung gehen, sondern um Parallelen die ich ziehen kann. Nichts desto trotz wundert es mich wenig, wenn ausländische Jugendliche nur unter sich bleiben, und ähnlich reagieren. Da ich persönlich eine eher friedfertige Person bin, und nach der Grundschule auch in eine aufgeklärtere Gegend zur Schule ging (in Eimsbüttel auf ein bilinguales Gymnasium), bin ich nie zum “kriminellen Ausländer” geworden (hat sich eigentlich schon mal gefragt, warum es immerzu “ausländische Jugendliche” oder “Täter mit Migrationshintergrund” in den Zeitungen heißt, nie aber “deutsche Täter”?! Just saying – it start’s with all those little things!)

Being 10 and being chased by skinheads for the first, but not the last, time.

Wirklich gejagt wurde ich Gott sei Dank noch nie, aber wir hatten zwei fremdenfeindliche Nachbarn, einer kriminell und mit einem Hund, vor dem ich sehr Angst hatte, und bei dem ich die Straßenseite wechselte, wenn ich ihn früh genug bemerkte. “Nazis live forever” sag er mal auf die Melodie “Who want’s to live forever” von Queen, als sich unsere Wege mal kreuzten.

2-3 andere Male bin ich knapp einer Schlägerei entgangen – z.B. als ich vor dem St.-Pauli-Bad auf meinen Vater wartete, der uns immer vom Schwimmen abholte, und ein etwas älterer jugendlicher an mir vorbei ging, dann absichtlich fiel, damit es so aussah als stellte ich ihm ein Bein, und dann zwei Kumpels kamen, und mich und meinen Bruder rum schubsten.

Mein verstörendstes Erlebnis war aber in der 8. Klasse – Klassenausflug nach Granzow – ein Kaff in der Nähe der Stadt Mirow, an der Mecklemburgischen Seenplatte. Der ganze Ort war ausschließlich von Skinheads bewohnt – und selbst die wenigen Menschen die nicht aussahen wie Nazis, zeigten auf das das Afrikanische Mädchen in unserer Klasse und erklärten ihren Kindern “Das ist ein Neger, die kommen nur hier her um Dir Dein Eis wegzuessen!”. Vor dem Campingplatz auf dem wir waren, saßen regelmäßig Nazis, hörten rechtsradikale Musik, und besoffen sich, im einzigen Laden im Ort (ein Edeka) wurden wir regelmäßig von Nazis von der Kasse weggedrängt (wir waren zu der Zeit 9 Jungs in der Klasse, davon 6 ausländischer Herkunft), und auch mir wurde sehr oft “Neger” hinterher gerufen. Seit dem vermeide ich es tunlichst, in den Osten zu fahren.

Being 13 and hearing stories. A friend’s older brother tossed into a police van and beaten up.

Das war damals sowieso der Standard. Damals heißt in den 80gern und frühen 90gern, als noch regelmäßig in den Nachrichten davon berichtet wurde, das Asylbewerberheime mit Molotowcocktails beschmissen wurden. Die Situation hat sich heute natürlich stark gebessert. Die Situation von damals fassten Advanced Chemistry in ihrem Song Fremd im eigenen Land von 1992 (da war ich dann 8 Jahre alt) sehr gut auf, das noch mit einem original Nachrichtentext beginnt.

In dieser Grundstimmung bin ich hier damals groß geworden: Bilder von Rostock-Lichtenhagen, in dem (nach meiner Recherche gerade) 2.000 Anwohner Beifall klatschen, während Nazis ein Asylbewerberheim anstecken, mein Lieblingspolitiker Schäuble, der das Grundrecht auf Asyl abschaffen möchte, Ausländer die raus sollen. Ich hab mich selbst als Ausländer gefühlt damals. Raus? Wohin? Hamburg war doch meine Heimat?

Allein im Jahr 1992 werden 2639 gewalttätige Übergriffe von Faschisten registriert. Zwei Jahre zuvor waren es gerade einmal 309. Nur zwei Monate nach den Krawallen in Rostock verüben Neonazis einem Brandanschlag auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Mölln. Dabei verbrennen ein zehn- und ein vierzehnjähriges Mädchen sowie ihre Großmutter. Nazis töten in dem Jahr insgesamt 27 Menschen – so viele wie nie zuvor.

Angst war immer ein Begleiter, denn es war damals noch sehr regelmäßig von verprügelten Ausländern und angesteckten Häusern zu hören und so träumte auch ich als Kind das ein oder andere mal, dass ein Nazi-Aufmarsch vor unserem Haus statt finden würde, und Molotowcocktails ins Haus flögen.

Unterdessen plant meine Klassenlehrerin einen Klassenreise nach Mölln. Ich habe damals noch nicht so recht den Zusammenhang verstanden, meine Eltern waren jedenfalls aufgebracht, ich durfte nicht mit, die erste Klassenreise meines Lebens und ich musste die gesamte Woche dann eine Klassenstufe unter mir zur Schule gehen… Ich war natürlich sauer auf meine Eltern, die wiederum ihrem 9-jährigen Sohn erneut erklären, was Rassismus bedeutet.

Being 12 and coming into a record store and noticing how the security guards circle like sharks.

Mein Vater hat davon regelmäßig berichtet, wie ihm andauernd Kaufhausdetektive auf den Fersen waren, mir persönlich ist es nur zwei male aufgefallen, einmal mit meinem Vater in einem Toom-Markt, das andere mal war ich alleine zum Schuhe-Kaufen im Karstadt. Eine Verkäuferin kam vorbei, guckte mich argwöhnisch an, ging dann an die Kasse und zum Telefon (dumm nur, dass ich ihr hinterher geguckt hab, weil ich es in ihrem Blick lesen konnte), sprach mit jemandem und guckte dabei in meine Richtung. Wenig später kam ein Herr zur Kasse, sie unterhielt sich kurz mit ihm, deutete auf mich und danach war der Herr dann ebenfalls an den Schuhen interessiert – wenn es sein musste, waren es auch Damenschuhe auf der anderen Seite des Regals an dem ich stand – Hauptsache er hatte mich im Blick. Ich hab mich daher absichtlich sehr lange dort aufgehalten, mehrfach Schuhe an- und ausprobiert, in der stillen Hoffnung, dass just in diesem Moment irgendwo anders im Laden jemand was mitgehen lässt, während der Kaufhausdetektiv jemanden beschattet, der im Leben nicht auf die Idee gekommen wäre, Schuhe im Karstadt zu klauen…

Move in a maximally noncriminal fashion. Walk normally. Breathe calmly. Walk up to that shelf of CDs and reach for that Tupac album in a way that indicates you are not planning to steal it.

Wenn ich mit meiner Freundin einkaufen bin, und wir uns dann mal keinen Wagen genommen haben, schlägt sie oft vor, die Sachen schon mal in die Tasche oder den Rucksack zu stecken, um diese dann bei der Kasse auszupacken. Gibt einige Menschen, die das völlig selbstverständlich machen. Ich tu das nie, und ich diskutier auch immer mit meiner Freundin dadrüber, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. Ich belade meine Arme dann eben so sehr es geht, oder schaue, ob es einen leeren Karton gibt, denn man dazu verwenden könnte – oder laufe manchmal eben auch noch mal raus, und hole einen Wagen. Eben weil ich sonst verdächtigt werden könnte, was mitgehen zu lassen, und eben weil ich genau das nicht möchte – und noch weniger möchte ich, dass jemand anders der mit mir unterwegs ist, meinetwegen dann mit verdächtigt wird. “Move in a maximally nonriminal fashion”. Immer.

Dennoch hilft auch das nicht immer.

Because that’s exactly what we are. All of us who are guilty until proved innocent.

Eines schönen Tages – ich war zu der Zeit noch dualer Student an der privaten Fachhochschule – sitze ich bei wundervollem Wetter abends noch auf dem Campus weil ich was erledigen wollte, bevor ich nach Hause fuhr. Ich saß also allein auf dem Campus, ein kleiner Garten – Privatgelände. Wie so oft ist im Audimax (was bei einer so kleinen FH eigentlich eher einer Schulaula entspricht – nur um mal die Größenverhältnisse deutlich zu machen) irgend eine wirtschaftliche Veranstaltung. Und irgendwann kommen mir Menschen entgegen, die an dieser Veranstaltung teil genommen hatten – alle schick gekleidet in Anzug und Krawatte – wahrscheinlich Vertreter der Firmen, die an der FH haben ausbilden lassen, laufen an mir vorbei und gucken mich argwöhnisch an… im Vorbeigehen höre ich von einem die Frage “Was der hier wohl macht” – “Vielleicht ist der hier Student?” – “Ach quatsch, das ist keiner, das sieht man doch.” – und kurze Zeit später dieselbe Person “Du, der klaut hier bestimmt Internet!” – “Frechheit so etwas”….

Being 15 and sitting outside an electronics store when a police van pulls up, two officers get out, ask for ID, ask what’s up tonight. Then they hop back into the van.

Ja, auch davon können mein Bruder und ich ein Liedchen singen. Da wir beide auch beim DLRG waren, mussten wir öfters mal durch die Elbchaussee fahren – der Reichen-Gegend in Hamburg. Ein paar male wurden wir dort von Polizisten auf unseren Fahrrädern angehalten – “allgemeine Personenkontrolle”. Klar, als Ausländer in der Reichengegend – verdächtig! Ausweise wurden vorgezeigt, es wurde gefragt, wo wir hin wollten, es wurde uns in die Rucksäcke geguckt, und wir mussten bezeugen, dass wir die Fahrräder nicht gestohlen hatten, indem wir unsere Schlösser auf und zu machen mussten – reine Schikane, denn wer bitteschön klaut ein Fahrrad und das Fahrradschloss zu dem er keinen Schlüssel hat, gleich mit?! Bei DLRG guckt dann ein Polizist sehr verwundert und erstaunt.

And all the time, a fight inside. One voice says: They have no goddamn right to prejudge us. They can’t cordon off the city with their uniforms. They can’t make us feel insecure in our own neighborhoods.


Ich möchte mit diesem Beitrag nun aber nichts schlecht machen. Ich bin gerne in Deutschland, fühle mich wohl hier, ich weiß, dass es in vielen anderen Ländern sehr viel schlimmer ist, was den Rassismus und Fremdenfeindlichkeit anbelangt. Und über die Jahre habe ich eine deutliche Besserung vernommen, werde von einem Großteil der Menschen akzeptiert und respektiert und habe im Großen und Ganzen nirgendwo Probleme. Aber es kommt auch immer darauf an, in welchen Kreisen man sich umgibt. Und selbst in der Uni – also unter der aufgeklärten Bildungselite – hab ich schon den ein oder anderen doofen Spruch vernommen (oder mich dann von Gruppen entfernt in denen abends bei Kennenlern-Events und nach ein wenig Alkohol gewisse fragwürdige Personen sich gegenseitig ihre krassesten Juden-, Türken-, Neger- oder Polenwitze erzählt haben…).

Und da man mich oft auch für einen Pakistaner o.Ä. hält (ich hab nämlich wegen meiner deutschen Mutter eine viel zu helle Hautfarbe für jemanden aus Indien/Sri Lanka – unter den Tamilen werd ich übrigens als “Weißer” beschimpft, und die sind, was Rassismus anbelangt, bestimmt noch 10 mal schlimmer als in dem Artikel über die Schweden!), warte ich eigentlich nur noch darauf, das die ersten islamfeindlichen Sachen in meine Richtung wehen. A pro pos – hab ich eigentlich schon mal erwähnt, das ich sowohl Hinduistisch als auch Christlich erzogen wurde, mich danach mit vielen Religionen auseinander gesetzt habe, und schlussendlich zu dem Punkt gekommen bin, dass ich mich einer Religionszugehörigkeit grundsätzlich widerspreche und meinen Glaube sich irgendwo zwischen Agnostizismus und Pantheismus ansiedele? Nur um sicher zu gehen, das keiner auf den Gedanken kommt, ich könnte tatsächlich Moslem sein… Wenn ich was bin, dann SchwarzWeiss 😉

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