Datenschutz im Zeitalter von Web 2.0


Wer mich kennt, weiß dass ich ziemlich viele Ideale habe. Unter anderem ist der Datenschutz etwas, das ich für sehr wichtig halte. Dem gegenüber stehen alle Institutionen, Erfindungen und Dienstleistungen, die dem Datenschutz nicht folgen. Seit es das Internet gibt, nimmt der Datenschutz eine besonders wackelige Stellung ein – war man früher bieder und skeptisch, wenn es um die eigenen Daten, wie Telefonnummer, Wohnort, Arbeitsplatz, Gehalt oder den Abendplänen ging, so werden diese Daten heute an verschiedenen Stellen im Internet der gesamten Welt zur Verfügung gestellt – oft ohne tiefgehend nach zu denken, was ebenjene Daten in falschen Händen bedeuten können. Angenommen, das Internet wäre ein Mann der vor der Tür stünde und nach all diesen Daten fragte – wie viele Daten würdet ihr ihm geben?


(extra-3 zum Thema Datenschutz bei Passanten)

Der absolute Gegenpol wäre, komplett auf solche Dienste zu verzichten. Was bei der Payback-Karte beispielsweise relativ einfach geht, wird bei anderen Diensten, wie etwa facebook, StudiVZ, myspace oder Twitter immer schwieriger.

Ich persönlich bin jahrelang den Weg gegangen, habe mich StudiVZ längere Zeit ferngehalten, anderen Diensten wie facebook oder myspace habe ich mich komplett entsagt. Twitter und ganz neu Google+ habe ich aus persönlichem und beruflichem Interesse angeteste. Nun überdenke ich meinen Standpunkt, und möchte die Ergebnisse dieses Prozesses hier diskutieren.

Datenschutz?!

Zunächst einmal stellt sich die Frage, was Datenschutz eigentlich ist, und was das überhaupt soll. Oft wird in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, was man denn zu verbergen hätte – und prinzipiell ist diese Frage auch sicherlich berechtigt. Es gibt aber dennoch relativ viele Gründe, warum man nicht allzu sorglos sein sollte.

Datenschutz ist (nach Wikipedia) der:

(…) Schutz des Einzelnen vor dem Missbrauch personenbezogener Daten. (…) Heute wird der Zweck des Datenschutzes darin gesehen, den Einzelnen davor zu schützen, dass er durch den Umgang mit seinen personenbezogenen Daten in seinem Recht auf informationelle Selbstbestimmung beeinträchtigt wird. (…) Der Datenschutz will den so genannten gläsernen Menschen verhindern.

Es geht also beim Thema Datenschutz um personenbezogenen Daten, also Daten die etwas mit dem Individuum zu tun haben. Dazu gehören neben Name, Alter, Geburtsort- und Tag, Religionsangehörigkeit, Arbeitsort, etc. auch Daten über sexuelle Neigungen, den Partner, und dem Verhältnis zu anderen Menschen. Auch politische Gesinnungen gehören dazu. Nicht zuletzt auch Bewegungsdaten, d.h. wer wann wo und mit wem interagiert. Bewegungsdaten beziehen sich dabei nicht nur auf die physische Bewegung – hierzu zählet auch, wer wann wo wie lange und mit wem online war, telefoniert hat, etc.

Letztendlich soll das Recht auf informationelle Selbstbestimmung gewahrt werden: Nur das Individuum, dem die persönlichen Daten zugeordnet sind, soll darüber bestimmen dürfen, wer wann welche Daten bekommt.

Was gegen das Verbreiten von Daten spricht

Personenbezogene Daten sind so wichtig, weil die Geheimhaltung dieser Daten erst gleichberechtigte Behandlung möglich macht. Extreme Beispiele wären Religionszugehörigkeit, politische Gesinnung oder sexuellen Neigungen im Dritten Reich. Wer diese nicht geheim gehalten hat, hatte unter Umständen ein Problem, das über Konzentrationslager und Folter bis zum Tode geführt hat. Auch in der DDR war der Schutz solcher Daten mitunter lebensnotwendig. Selbst heute ist es in diktatorisch oder kommunistisch geführten Ländern wichtig, seine Daten vor dem Regime geheim zu halten, wenn man zu den “Anderen” gehört.

Wir brauchen jedoch nicht so weit zurück zu gehen. Vor ein paar Wochen habe ich mit einem Kommilitonen gesprochen, und in dem Gespräch stellte sich heraus, dass er bei den Julis und der LHG Kiel aktiv ist. Da er sich erst ein wenig zierte, überhaupt zu sagen, über welche Organisation er sprach, fragte ich nach, und es stellte sich heraus, dass er aufgrund seiner politischen Aktivität an vielen Stellen nicht ernst genommen wird, sobald dies dort bekannt ist. Wenn man sich überlegt, dass politisches Interesse immer weiter abnimmt und man sich klar macht, dass letztendlich jeder Student, der sich politisch am Universitätsgeschehen beteiligt, dafür sorgen möchte, dass die Studiensituation für alle Studenten besser wird, dann ist es traurig, dass das Bekanntwerden solcher persönlicher Daten zu einer Ungleichbehandlung führt.
Nachteile habe ich auch persönlich zu spüren bekommen, als ich mich damals aktiv in der JAV unseres Unternehmens engagiert habe. Zwar handelt es sich hier um ein Amt in welches man gewählt wird – die Aufgabe ist dann aber das Vertreten von jugendlichen Arbeitnehmern und Auszubildende vor dem Arbeitgeber. Hier gibt es durchaus Ausbilder und Manager die damit Probleme haben. Etwas das sich auch auf die tägliche Arbeit auswirken kann….

Die Beispiele zeigen welche Nachteile es mit sich bringen kann, wenn man seine persönlichen Daten nicht schützt. Oft sind es nicht einmal so explizite Sachen wie Politik, etc. So könnten auch Alter und Geschlecht schützenswerte Daten sein. Nicht umsonst wird knuddels.de von Kritikern oft abwertend als “Pädo-Chat” bezeichnet – mit seinem niedlichen Ambiente werden vor allem 14 – 16 jährige Mädchen vom Flirt-Chat angesprochen (wie man im Wikipedia-Artikel nachlesen kann, hat Knuddels aber in den letzten Jahren etliche Vorkehrungen getroffen). Bewegungsdaten spielen im folgenden Beispiel eine Rolle: Es ging vor einigen Jahren in den Nachrichten der Fall einer Islamwissenschaftlerin herum, die in die USA einreisen wollte, dort an der Grenze festgehalten und wieder abgewiesen wurde. Begründung: Die Frau habe in den letzten Monaten gefährliche Schriften gekauft. Es handelte sich um Amazon-Bestellungen – Bücher über den Islam. Ich habe versucht, zu genau diesem Beispiel Quellen zu finden allerdings nur andere identische Fälle gefunden: einen Bezahl-Artikel in der iX vom 5/2003 welcher dies thematisiert, ein Telepolis-Artikel “Umgebucht” vom November 2003 sowie einen interessanten Blogeintrag von Christoph Pingle, von 2004. Wie man an diesem Beispiel schön sieht: Buchkäufe, Wunschliste und angesehene Artikel können schon dafür sorgen, dass über Menschen geurteilt wird, und eventuell schwere Nachteile mit sich ziehen.

Und das Personalchefs nach Profilen und Daten von Bewerbern im Internet suchen, ist schon lange keine Neuigkeit mehr; erwischte ich mich doch selbst regelmäßig dabei, andere Personen (z.B. Geschäftspartner, oder Korrektoren aus den Universitätsübungen) nachzuschlagen. Ich denke, dass das etwas völlig normales in der Natur des Menschen ist schon im Voraus wissen zu wollen, mit wem man es zu tun hat. So haben damals die anderen Azubis und ich immer gerne die Liste neuer Azubis bei StudiVZ nachgeschlagen. Je nach Kontext können solche Profile jedoch zum Strick werden. Suche ich privat nach Menschen, dann sind akzeptable Merkmale und Interessen anders, als wenn ich einen Arbeitskollegen nachschlage. Ich erinnere mich, wie ich mit Kollegen auf der Seite einer neuen Aushilfe geguckt hatte und wir geschockt waren: nach Gruppen wie “Wann ist endlich Wochenende”, “Alkohol? ich bin in 2 Minuten da!”, “Ich bin eine Prinzessin und lasse mir von niemanden was sagen” oder “Ich bin fick und fertig” und vielen Partybildern hatten wir die Sorge, dass die Aushilfe nicht die Hilfe bieten würde, die wir uns wünschten. Letztendlich haben wir ihr alle unrecht getan, denn sie lieferte echt gute Arbeit ab.

Ich habe bewusst darauf verzichtet, auf potentielle Gefahren hinzuweisen und mich paranoiden Endzeitszenarien hinzugeben, sondern mich auf reale Beispiele bezogen. Die große Gefahr ist, dass viele der erhobenen Daten immer auch im aktuellen Situationskontext gesehen werden müssen. Vor dem 11. September hätte die Islamwissenschaftlerin wahrscheinlich keine Probleme, in die Staaten zu Reisen. Zu welchem Zeitpunkt die Bücher gekauft, angesehen oder auf die Wunschliste gesetzt wurden, spielt keine Rolle: Ändert sich die Situation so können bestimmte vorher legitime Daten, plötzlich ein Problem darstellen. Ähnlich verhält es sich mit dem StudiVZ-Profil. Während Schulzeit oder Ausbildung sind bestimmte Gruppen unter anderen Auszubildenden sicherlich einfach nur lustig gewesen. Sobald man aber vom Schüler/Auszubildenden zum Bewerber wird, steht man in einem ganz anderen Licht. Eine weitere Tatsache, derer sich viele nicht bewusst sind: Natürlich leben wir hier in Deutschland, und haben unsere deutschen Gesetzte, u.A. auch zum Thema Datenschutz. Der Amazon-Fall wäre in Deutschland nicht denkbar, das Internet jedoch hat keine nationalen Grenzen und auch kein Zeit – es ist frei von Dimensionen. facebook-Deutschland, Amazon.de, ebay.de, und weitere mögen zwar deutsche Portale haben, sogar deutsche Niederlassungen – die Server jedoch stehen in den Staaten und fallen unter eine andere Gesetzeslage, der man durch die Nutzung des Dienstes auch automatisch zustimmt. Diesen Umstand sollte man im Hinterkopf haben. Genauso die Tatsache dass es nicht überall ohne weiteres möglich ist, einmal hochgeladene Daten auch wieder zu entfernen.

Ein Leben ohne soziale Netzwerke?

Nach diesem Abschnitt ist der Gedanke, sich diesen Diensten komplett zu entziehen doch nicht mehr soo unattraktiv, oder? Amazon ist bequem, darauf zu verzichten ist nicht schwierig, wird aber umso schwerer, je mehr man auf dem Land wohnt. Braucht man Twitter, facebook, StudiVZ, …? Sozialen Netze haben leider schon ihren Reiz – so hab ich, als ich mein Profil 2006 bei StudiVZ anlegte, viele alte bekannte wiedergefunden, die ich sonst nie getroffen hätte. Da es die Möglichkeit zu Chatten, Mailen, sich Nachrichten auf Pinnwände zu hinterlassen, etc. gibt, stellt dieses Netzwerk auch gleich alle Kommunikationsmittel bereit und macht IM-Dienste wie ICQ, E-Mail und Gästebücher auf Webseiten obsolet. Fotos, Videos und Statusnachrichten runden das Paket ab und ermöglichen, dass alle Freunde am eigenen Leben teilhaben können, selbst wenn sie nicht vor Ort sind, und diese Statusnachrichten sogar kommentieren – auch Blog werden dadurch ersetzt. Sogar rudimentäre Forum-Funktionalitäten werden über die Gruppen abgebildet.

Dies mag für den Nutzer eines solchen Dienstes zunächst ein Vorteil sein, führt aber auch zu Nachteilen: Auch wenn E-Mail Adressen bei diesen Diensten angegeben werden müssen, nutzen viele Menschen E-Mails oder Messenger nicht mehr – man gerät in einer Abhängigkeit bezüglich Kommunikation.

Ich persönlich habe es mal versucht – den Ausstieg aus StudiVZ. Es gab zunehmend Gründe wegen derer ich mich nicht mehr Wohl fühlte: Zunächst die neue umstritten AGB (siehe z.B. heise) und die immer währenden Datenschutzprobleme (siehe bei Wikipedia den Abschnitt zum Thema Datenschutz). Als ich mein Profil bei StudiVZ eröffnete, gab es dort eine ganze Menge Studenten (unter denen kursierte das wie ein Lauffeuer – früher wurden nicht-Studenten auch noch oft gefragt “Was machst Du eigentlich bei StudiVZ? Du bist gar kein Student”). Aber nach und nach wurden es immer mehr Leute, zu denen ich eigentlich gar keinen so engen Kontakt wollte. “Befreundet” wurde man mit jedem, den man irgendwie kannte – und schnell waren es auch erste Arbeitskollegen. Wer mein Freund wurde, konnte mein gesamtes Profil sehen, u.A. Fotoalben, und auch weitere Hobbys, die ich nicht unbedingt jedem meiner Arbeitskollegen direkt auf die Nase binde. Auch wenn mein damaliger Arbeitgeber sehr jung und dynamisch war – nicht alle Kollegen waren so. Gerade wenn man alternative Musik hört, sich in seiner Freizeit(!) schwarz kleidet und 1-3 mal im Jahr auf Festivals und Mittelaltermärkte ging, wurde man dann von einigen konservativen Kollegen auf einmal doch ganz anders angesehen und behandelt – selbst wenn man zur Arbeit natürlich immer adäquat gekleidet (in meinem Fall immer im Hemd und Stoffhose) erschien und Arbeit- und Privatleben gut voneinander trennen kann. Dies war letztendlich mein Auslöser, StudiVZ den Rücken zuzuwenden.

Löschen jedoch war leider nicht möglich – lediglich deaktivieren – per E-Mail war es mir möglich, mein Profil auch wieder, ohne Verlust zu reaktivieren – praktisch! Nur, wenn ich das nicht gewollt habe? Wieso nimmt sich StudiVZ eigentlich das Recht heraus, meine Daten (für immer?) zu speichern und mir quasi auch das Recht zu nehmen, darauf zuzugreifen, sobald ich kein Profil bei StudiVZ mehr habe?


(Ein Werbevideo zu kaioo.com)

Aber es war getan: Kein StudiVZ mehr – und wen stalked man dann im Internet? Woher wissen, was meine Freunde machen? Der Anfang ist schwer, aber es geht irgendwann. Nur dann fängt es an: Absprachen werden nur noch über StudiVZ getroffen, wenn ich Glück hatte, hat jemand daran gedacht, dass ich diese über den “Buschfunk” nicht bekomme. Was also tun? Ich sah mich nach einer Alternative um, und fand sie auch im Netzwerk kaioo. Da ich meine Freunde schon nicht davon überzeugten konnte, dass soziale Netzwerke schlecht sind, machte ich Werbung für kaioo. Technisch war es damals um etliches besser als StudiVZ: Während StudiVZ seinen Buschfunk (in Form von Status-Nachrichten, die auf der Pinnwand angezeigt wurden) gerade erst implementierte, war es in kaioo schon möglich, YouTube-Videos zu integrieren, auf Statusmessages zu antworten, etc. Aber nicht nur mit Features wartete kaioo auf – Werbung sollte ebenfalls geschaltet werden – allerdings nicht-personalisiert und nur soviel, wie die Server kosten würden. Der Überschuss würde gespendet werden – wohin würden die Nutzer entscheiden. Das erste echte soziale Netzwerk. Also Werbe-Mails geschrieben, mein StudiVZ Profil reaktiviert und zu einem kaioo-Werbeprofil gemacht, etc. Was ich unterschätzt hatte, war die Macht der Masse und des Gewohnten – die Leute blieben bei StudiVZ, weil ihre Freunde dort waren. Auch wenn kaioo cool war – ich hatte nur 3 Leute überredet bekommen – und wenn da sonst keiner ist, wollte da auch niemand hin. Ein Teufelskreis.


(Stasido MC: “Kaioo.com: Nie wieder StasiVZ!” – eine Sido-“Mein Block”-Karikatur)

So verlief kaioo im Sande – auch die Spendenaktion wurde nichts, und mittlerweile hat man sich von dem Gedanken komplett gelöst. Als es dann Mode wurde, dass man an der Nordakademie bei StudiVZ Gruppen für die jeweiligen Kurse aufmachte, in denen dann wichtige Informationen (wie Vorlesungsausfall, Hausaufgabenhinweise, etc.) verteilt wurde (denn es fehlt der Nordakademie ein anständiges Intranet), war es mir nicht mehr möglich auf StudiVZ zu verzichten. Ich reaktivierte also mein Profil bei StudiVZ und benutzte es wieder so, wie es gedacht war. Zwar änderte ich meinen Namen, so dass ich weniger leicht gefunden werden konnte – aber ab einer gewissen Freundesdichte ist auch das nicht mehr sinnvoll – über Freundes-Freunde findet mich eigentlich jeder, der den Kontakt zu mir sucht.

Was gegen das Meiden von sozialen Netzwerken spricht

Ich habe im Jahre 2008 meinen Blog angefangen mit dem ersten Eintrag I blog… therfore I am, angelehnt an Descartes “Cogito, ergo sum”. Schon damals machte ich die Beobachtung, dass Web 2.0 bedeutet, das ein Großteil unseres sozialen Lebens ins Internet transferiert wird:

But on the other side, I stayed away from Web 2.0 as much as I could: I don’t have a Facebook/Friendster/StudiVZ/Lokalisten/… account, I don’t promote videos or pictures on YouTube/MyVideo/Flickr/… and I stayed clear from logging/profiling services such as Last.fm. But now the question may really arise: Do I exist?

Natürlich ist – und war – die Frage sehr reißerisch. Dennoch, wenn man sich einige Statistiken anguckt, wird ersichtlich, dass das soziale Leben im Internet eine immer bedeutendere Rolle spielt. So sind nach der ARD/ZDF-Onlinestudie mittlerweile 3/4 aller Deutschen online – in Zahlen sind das 51,7 Millionen Internetnutzer – dies kommt genau dann hin, wenn man die etwa 12 Millionen Kinder unter 14 Jahren abzieht. Allerdings ist das Einstiegsalter ins Internet nach der Untersuchung “EU Kids Online” heutzutage im europäischen Durchschnitt 10 Jahre – interessant ist in diesem Zusammenhang auch die deutsche KIM-Studie. Das aber nur am Rande. Wichtig ist vor allem, dass es sich hierbei nicht mehr um eine spezielle Nutzergruppe handelt – das Internet hat Einzug gefunden in die deutschen Haushalte – ob jung oder alt, männlich oder weiblich, Hartz-IV Empfänger oder Manager.

Wenn man sich die Studie weiter anguckt, sieht man das an Stelle 3, nach der Wikipedia und den Videoportalen, die Nutzung privater Netzwerke steht. Die angegebenen 39% entsprechen 20 Millionen Nutzern – 17 Millionen haben ein eigenes Profil. Nach eigenen Angaben der VZ Netzwerke Ltd haben diese 17 Millionen Nutzer in ihrem Netzwerk. Die Social Media Schweiz listet in ihrer Studie zu facebook Deutschland an Platz 11 der Länder, die am stärksten in Facebook vertreten sind: 19,5 Millionen Nutzer haben ein facebook-Profil (die Differenz zur ARD/ZDF-Onlinestudie entsteht dadurch, dass hier die Gesamtbevölkerung betrachtet wurde, wie die Prozentangabe von 23,8% Marktdurchdringung deutlich macht). Auch hier wird die Nutzergruppe immer heterogener und zieht sich durch alle gesellschaftlichen Subgruppierungen.

Der Trend geht eindeutig nach oben. Was also passiert mit den Leuten, die nicht Teilnehmen, am weltweit überspannenden sozialem Netz? Der Wandel des Internets sorgt langsam aber sicher dafür, dass andere Kommunikationsmittel aussterben. Gerade von den jüngeren Generationen (z.B. den Azubis bei meinem ehemaligen Arbeitgeber) musste ich schon mehrfach hören, dass E-Mail/Messenger nicht vorhanden seien, man aber bei facebook gefunden wird. Ich denke, dass die Gesellschaft mittlerweile ein ganz anderes Selbstverständnis im Umgang mit dem Internet erlangt hat und das dies eine Entwicklung ist – ob nun positiv oder negativ zu bewerten, sei dahin gestellt – die nicht aufzuhalten ist. Wer sich dem entzieht, bringt sich in eine Außenseiterrolle, die unterschiedlich interpretiert werden kann: Von sozialer bis hin zur technischen Inkompetenz. Und wie war das noch gleich mit den potentiellen Arbeitgebern, die nach Profilen im Internet suchen? Hierzu gab es in der Printausgabe der AOK on uni (dem Kundenmagazin der AOK für Studenten) einen interessanten Artikel, “Profilier dich!”, in dem Klaus Eck, Kommunikationsberater und Reputation Manager, wie folgt zitiert wird:

“Wer heutzutage einen Job will, sollte auch möglichst präsent sein”, sagt Klaus Eck. Besonders, wenn man in kommunikativen Bereichen wie PR, Marketing oder im Kundenservice arbeiten wolle. “Ich persönlich würde niemanden einstellen, der nicht im Netz zu finden ist.”

Also ist wegbleiben auch schlecht? Das Zauberwort heißt Online Reputation Management – etwas das Firmen schon länger tun, und das auch immer mehr für Privatpersonen im Sinne des Selbstmarketing an Relevanz gewinnt: Auf welche Weise zeige ich mich im Internet? Wie stelle ich mich positiv da? Wichtig ist, dass wenn jemand nach der Person im Internet sucht die Inhalte die gezeigt werden, von positiver Natur sind, authentisch und eventuell vorhandene negativen Seiten überschatten.

So lieber nicht...

(So lieber nicht…)

Wie sieht es mit den anderen Diensten aus?

Ich habe ja noch weitere Dienste erwähnt, die ebenfalls kritisch im Bezug auf den Datenschutz sind. Natürlich sind da zunächst alle StudiVZ-Varianten – wichtig ist vor allem facebook. Ich weiß nicht, ob es an “The Social Network” liegt, das auch immer mehr Deutsche dort ein Profil anlegen. Man muss aber den facebook-Entwicklern auch eines lassen: Technisch gesehen befinden sie sich an der Spitze, was Funktionalität und Zuverlässigkeit anbelangt. Mit facebook in Berührung gekommen bin ich das erste mal im Jahre 2007, als ich mein Auslandssemester auf Gran Canaria absolvierte. Während wir deutschen Austauschstudenten unser StudiVZ nutzten, waren alle anderen Nationalitäten mit facebook unterwegs, sodass auch schnell alle deutschen ERASMUS-Studenten sich dort ein Profil anlegten. Auch wenn es sehr schwer war, entsagte ich mich facebook und damit leider auch der Kontaktmöglichkeit mit den anderen.

Amazon zu meiden ist einfach, wenn man in Städten wohnt – Husum hatte zwar einige Buchhandlungen, allerdings waren diese allesamt klein und oft großzügig mit Regionalromanen bestückt. Neben den Klassikern und Bestsellern war dann oft kein Platz mehr für internationale Bücher oder aber gar Fachliteratur. Seit ich in Kiel wohne habe ich jedoch keine einzige Amazon-Bestellung mehr machen müssen!

ICQ & Co meide ich seit 2005. In allen TOS dieser Anbieter steht, dass die Nutzer von alle Daten, die sie über die Netzwerke verschicken, das Copyright an den Dienstleister abtreten; auch eine kommerzielle Nutzung nirgends ausgeschlossen. Auch das Abspeichern von Logfiles (also aller Bewegungsdaten – inklusive der geführten Gespräche) wird überall als Recht eingefordert. Hinzu kommt die nicht-vorhandene oder mangelhafte Verschlüsselung der Gespräche, was es möglich macht, diese im Klartext abzufangen (teilweise ist dies sogar recht einfach). Ganz auf Instant Messaging verzichten kann ich natürlich auch nicht – in XMPP/Jabber habe ich aber eine sehr gute alternative gefunden: Dezentral, technisch ausgereift und einfach erweiterbar, und mit starker bis sehr starker Verschlüsselungsmechanismen ist es eines der besten Kommunikationskanäle des Internets. Und weil dies so ist, nutzen auch Google Talk, facebook-Chat, etc. das XMP Protokoll für ihre eigenen Dienste.

Ein Dienst dessen Nicht-Nutzung mir sehr schwer fällt, ist Google Mail. Dazu muss ich erwähnen, dass ich mitunter 4 Geräte an 3 verschiedenen Standorten genutzt habe und kein Freund von Webmail-Interfaces bin. POP3 ist für ein solches Szenario einfach eine Qual. Und bis heute bleibt Google Mail der einzige Anbieter, der IMAP kostenlos zur Verfügung stellt. Leider nimmt sich eben auch Google das Recht heraus, alle Mails maschinell zu filtern, um damit finanzielle Ziele zu verfolgen. Es stellen sich die Fragen, wer diese maschinell gefilterten Daten zu Gesicht bekommt, wie diese Daten aufbereitet werden, und was dort genau gespeichert wird. Hierzu schweigt sich Google natürlich aus. Verzichtet man also auf Google Mail bleibt einem nur noch, dass man die Mails auf allen Geräten per POP3 herunter lädt und überall als “ungelesen” angezeigt bekommt.

Ein Fazit: Die Qualen des Idealisten

Dieser Text ist nun doch zu etwas ganz anderem geworden, als ich anfangs intendiert hatte. Aber ich denke, er ist trotzdem noch gut genug für meinen Blog. Ursprünglich sollte es um die Qualen des Idealisten anhand eines Beispiels gehen und diese kommen eigentlich ganz deutlich aus den Texten heraus: Das Fernbleiben von sozialen Netzen und Diensten, die den Datenschutz nicht ganz so ernst nehmen, wird immer schwerer und ist für den Idealisten mit einigen Hürden verbunden. Natürlich sind es oft nur Bequemlichkeiten, über die wir reden. Aber es entstehen eben auch richtige Nachteile – nämlich dann, wenn Einladungen zu Veranstaltungen nur noch über facebook ausgetauscht werden (Beispiel ERASMUS), oder aber essentielle Informationen über geschlossene Gruppen bei StudiVZ (Beispiel Vorlesung). Auch müssen sich Bewerber die Frage stellen, was sie zu verbergen hätten, wenn sie in keinem dieser Netze auffindbar sind.

Der Idealist, der stark an seinen Werten festhält, entsagt sich oft nicht nur Bequemlichkeiten sondern auch Nutzen und Vorteile – und manchmal blenden die Ideale auch, machen einen für Vorteile und Irrtümer blind und unempfänglich – man verschließt sich und wird eventuell sogar intolerant. Und daher ist es besonders wichtig, dass man sich regelmäßig aktiv mit seinen Idealen beschäftigt und die Symptome dieser hinterfragt. Natürlich soll man seine Ideale nicht komplett über Board werfen und ein Leben ohne Ideale wäre sicherlich auch falsch – was diesen Beitrag anbelangt: Ich werde natürlich nicht meinen Glauben an die Wichtigkeit des Datenschutzes aufgeben – ganz im Gegenteil. Aber das Fazit kann auch nicht sein, komplett auf datenschutzkritische Dienstleistungen komplett zu verzichten. Und auch bei facebook ist Datenschutz in gewissen Rahmen möglich.


(Das Facebook-Privatsphären-Einmaleins – Eine Schritt-für-Schritt Anleitung zu besseren Datenschutz bei facebook)

Mein Fazit ist, mich aktiver mit den Themen Selbstdarstellung im Web 2.0 zu beschäftigen – nachdem facebook das offensichtlich bessere System ist, und auch immer mehr meiner Freunde sich von StudiVZ lossagen und zu facebook wechseln, bin auch ich nun den Schritt gegangen und habe mir ein facebook Profil zugelegt. Vor allem aber ist mir der bessere Kontakt zu meinen internationalen Freunden wichtig. Ich werde aber auch, sehr viel Stärker als schon zuvor, darauf Achten, das mein Profil nicht nur authentisch ist, sondern auch versuchen meine positiven Aspekte herauszuarbeiten. Ein facebook-Profil muss nicht zwangsläufig eine Blamage für einen Menschen sein – man kann es auch dazu nutzen, eine weitere Visitenkarte auszuhändigen.

Schlussendlich bin ich eh schon lange eine Person des Web 2.0 – spätestens mit dem Blog hier habe ich seit 2008 auf mich und meine Person aufmerksam gemacht. Vielleicht ist nicht alles unbedingt positiv und ich sollte sehr viel stärker versuchen allzu privates zu filtern. Aber ich bin durch diesen Blog eine Persönlichkeit im Web 2.0 geworden, ich bin auffindbar, und wer sich ein wenig besser mit Google auskennt, wird auch durch ein paar Handgriffe darauf schließen können, mit welcher Person er diesen Blog und das Synonym “pygospa” in Verbindung setzten kann.

Letztendlich ist die Frage also weniger, mich den Sozialen Netzen zu entziehen, sondern wohl eher, wie ich es schaffe, diese so für mich zu nutzen, dass ich damit Werbung für mich mache.

Also, besucht mich doch, auf facebook, wenn ihr mögt 🙂

3 thoughts on “Datenschutz im Zeitalter von Web 2.0

  1. Ich bin noch beim lesen, aber als kurze Anmerkung, Google ist nicht der einzige Anbieter für kostenlose IMAP Nutzung. Ich bin seit Jahren bei web.de und Rufe meine Mails über die IMAP ab.

    • Hallo Gangstergazelle,

      schön mal wieder was von Dir zu hören (auch wenn es “nur” ein Kommentar ist 🙂 ).

      Zunächst einmal danke für Deinen Hinweis! Das mit Web.de ist in der Tat sehr verwirrend. Ich habe meine beiden Haupt-E-Mail Adressen ja auch nach Web.de umgezogen. Ich hab damals (als ich noch die vier Standorte hatte) mehrfach geschaut, ob ich es nutzen kann, es ging aber nicht. Nun hab ich es noch einmal versucht, und es klappt komischerweise scheinbar auf einmal doch. Und das, obwohl Web.de ausdrücklich etwas anderes sagt. Auch in der Hilfe steht, dass man IMAP nur als Club-Mitglied nutzen kann, und selbst in der Produktbeschreibung ist IMAP nicht angegeben.

      Das ich das jetzt doch kann und Anfangs eben nicht hat mich stutzig gemacht, und daher hab ich mal ein wenig recherchiert, und bin über einen Foreneintrag auch auf die Wikipedia gestoßen. Interessant ist hier die Änderungshistorie – IMAP wird da scheinbar seit Jahren rein und wieder raus genommen. Auch die Diskussionsseite ist “interessant” (dort gibt es gleich drei Menüpunkte, die sich damit beschäftigen).

      Nach alle dem denke ich, dass es Legitim ist, weiter zu Behaupten, dass Google der einzige Anbieter von kostenlosem IMAP ist, und dies dahingehend zu ergänzen, dass es einigen Web.de-Nutzern aus unerklärlichen Gründen möglich ist, IMAP ebenfalls kostenlos zu nutzen. Allerdings lässt sich das weder auf das Alter des Accounts noch auf sonstige Eigenschaften festmachen. Nach der Änderungshistorie kann es sogar passieren, dass die Möglichkeit einem irgendwann wieder entzogen wird:

      Web.de hat den Zugang per IMAP heute abgeschaltet. Quelle: selber betroffen

      Ganz davon ab sind 12 MB für nen IMAP Server natürlich sehr mau 😉

      Liebe Grüße,
      ~pygospa~

      PS: Und dann gibt es natürlich noch die Leute, die vermuten, dass es ein AGB-Verstoß sei, IMAP als Freemail-Kunde zu nutzen. Sollte dies tatsächlich auch eine richterliche Entscheidung sein, so könnte man sogar damit argumentieren, dass hier eine Sicherheitslücke ausgenutzt wird… also alles nicht so ganz schön…

  2. Pingback: ~ PygoscelisPapua ~ goes Facebook « ~ PygoscelisPapua ~

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