Days to remember.


Ich hab mir zwar vorgenommen, weniger privates hier zu schreiben (ob dass überhaupt geht?), aber es gibt einfach Tage, die sind es wert, dass man sie irgendwo hinschreibt. Und da ich nun mal kein Tagebuch führe, muss mein Blog ab und an dafür herhalten… Und vielleicht ist die Öffentlichkeit, die so ein Blog hat, für diese Situationen auch nicht so verkehrt – unterstreicht sie doch irgendwo die Wichtigkeit, die solche Tage haben…

Über einen solchen Tag soll es in diesem Beitrag gehen, nämlich um den Freitag, 8. Juli. Um die Bedeutung dieses Tages zu verdeutlichen muss ich aber vielleicht zunächst – nein, sollte ich sogar – sehr viel weiter ausholen. Gehen wir also zurück in die Zeit, als ich noch ein kleiner Junge war. Genauer, in das Jahr 1994… 😉

1994 bin ich auf das Helene-Lange-Gymnasium in Hamburg eingeschult worden. Darauf war ich schon als kleiner Junge sehr stolz war, denn dieses bilinguale Gymnasium ist in Hamburg relativ bekannt für seinen guten Ruf. Ich habe im Zuge dieses Blogeintrages sogar herausgefunden, dass es einen Wikipedia-Artikel gibt, in dem der gute Ruf und auch das Niveau noch mal hervorgehoben wird (ich reite da gerade ein wenig drauf herum, weil es einige Leute gibt, die ständig der Meinung sind, Hamburger Gymnasien würden nichts taugen). Dort habe ich gleich in der 5. Klasse im Rahmen einer Veranstaltung in der Aula David kennen gelernt. Was ich noch weiß, ist dass wir alle Namensschilder trugen, und unserer beider Namen der Aufhänger für unser erstes Gespräch war. Er war älter als ich, eine Klasse über mir und einen ganzen Kopf größer. Aber wir verstanden uns dennoch auf Anhieb gut, und so wurde die Veranstaltung in der Aula zu einem netten Abend (ich kannte zu der Zeit glaube ich noch so gut wie niemanden aus der Schule – es muss also wirklich eine der ersten Wochen wenn nicht gar Tage gewesen sein).

Ich traf ihn dann später in der Schach AG der Schule wieder – Schach hab ich schon in der Grundschule gelernt und es faszinierte mich, ich kannte aber niemanden, der mit mir spielen wollte. Ich spielte also gegen ihn und während dieser Zeit merkten wir wohl beide, dass wir auf gleicher Wellenlänge lagen, wie man so schön sagt. Jedenfalls fingen wir an, uns auch außerhalb der wöchentlichen Schach-AG regelmäßig zu treffen, gründeten mit einem weiteren gemeinsamen Freund einen Detektiv-Club, sind zusammen ein mal wöchentlich ins Planetarium gegangen um dort Vorträgen zu lauschen und selbst nach den Sternen zu sehen, haben gemeinsam Star Trek geguckt und über die Zukunft, das Leben und ferne Galaxien philosophiert. Kurzum: wenn ich nicht gerade in der Schule war, oder aber im Schwimmverein, dann war ich sehr wahrscheinlich mit David unterwegs.

So vergingen die ersten 2-3 Jahre in der neuen Schule für mich, und es war eine echt gute und glückliche Zeit. Aber wie es immer so schön heißt: Alles was schön ist, muss irgendwann enden. Und so stellte sich für uns in der 7. Klasse heraus, dass die Familie von David innerhalb von Deutschland umziehen musste – und aus dem “Ich melde mich, und sag Dir beschied, sobald ich meine Adresse/Telefonnummer weiß”, wurde leider nichts. Die Jahre vergingen, ohne dass ich wieder etwas ihm gehört hatte – so wie das eben in der Regel passiert, wenn Freundschaften durch Distanzen gestört werden. Ich fürchte an dieser Stelle jedoch fast, dass ich dies für die jüngeren Leser ein wenig weiter ausführen muss, denn die Generationen die mit dem Internet und Web 2.0 groß geworden ist, kann wahrscheinlich nicht verstehen, wo genau hier das Hindernis hätte sein sollen: Früher gab es die Möglichkeiten einfach nicht, die es heute gibt – Internet hatte noch so gut wie keiner (und wenn doch hätte es zunächst auch nur E-Mail, das Usenet und das IRC als Kommunikationsmöglichkeiten gegeben – das Auffinden von Personen war ein Ding der Unmöglichkeit). Mal eben Googlen (was es anfangs auch noch nicht gab!) war nicht möglich, und an so etwas wie Facebook konnte man in den Jahren in seinen Künsten Träumen noch nicht denken. Auch Handys hatten zu der Zeit nur Menschen, die in irgend einer Weise wichtig waren – so blieb auf Entfernungen nur die Kommunikation per Festnetz und Brief!

Irgendwann Ende der 90er kam dann das World Wide Web auch endlich in Deutschland an, und so kam ich durch Zufall wieder mit ihm in Kontakt. Unsere Schule erlaubte sich in einer Vorreiterrolle eine Homepage zu haben (damals noch etwas sehr einmaliges!) mit (wie es damals so üblich war) einem Gästebuch. Und als ich mit meinen ersten Internet-Schritten dann auch irgendwann mal über dieses stolperte, war die Überraschung recht groß, David dort im Gästebuch wieder zu finden. Auf Gästebüchern hat man in der Regel seine E-Mail-Adresse hinterlassen (das Spam-Problem kam erst noch), und so war die Freunde wohl auf beiden Seiten groß, als ich ihm nach bestimmt 5 Jahren endlich eine E-Mail schreiben konnte. Der Kontaktabbruch stellte sich als ein verloren gegangenes Adressbuch dar (ja, die waren damals physisch und aus Papier), und wie sich herausstellte, blieb es nicht bei dem einen Umzug – mittlerweile lebte die Familie in Australien! Ausgerechnet Australien – Down-Under, dort wo ich schon immer hin wollte. Der Austausch von Webseiten (jeder musste damals eine Homepage haben!) und E-Mail-Adressen ermöglichte einen ersten Kontakt – aber um diesen wieder ein wenig zu intensivieren riet David mir dazu, ICQ zu installieren. Damals hatte das in Deutschland noch so gut wie keiner – ich gehörte in meinen Bekanntenkreis zu dem ersten, die einen Account bei ICQ hatten – viele wussten bis dahin noch nicht einmal was Chatten überhaupt hieß. Leider stellte sich das mit dem gemeinsamen Chatten doch um einiges schwieriger heraus, als es den Anschein hatte – so hatte doch keiner an die Zeitverschiebung gedacht. Also blieb der Kontakt erst einmal nur per E-Mail möglich. Und irgendwann, als Hotmail nicht mehr “in” war, meine GMX Adresse vor Spam überquoll, GeoCities und CJB die kostenlose Webseitenhosting-Dienstleistung einstellten, verlor man sich irgendwie gezwungenermaßen wieder aus den (diesmal eh nur virtuellen) Augen. Ob David ICQ noch nutzte, konnte ich nicht sagen, denn online sahen wir uns eigentlich nie (siehe besagte Zeitverschiebung) – aber auch meine ICQ-Nummer musste ich irgendwann aufgeben. Ich werde nicht müde, hierfür meiner herzallerliebsten, mich sehr lange stalkende Ex-Freundin dafür zu danken, dass ich ihretwegen alle meine Accounts ändern musste. So herrschte dann wieder Funkstille zwischen uns.

Soviel zur Vorgeschichte.

Was nun passierte ist eigentlich schon beinahe unglaublich. In einem Anfall aus Langeweile und Prokrastination (eigentlich hätte ich Programmieren sollen), fing ich mal wieder an, meinen Dateien weiter einzusortieren (ich hab vor kurzem meinen Laptop platt gemacht), und aus purer Neugier führte das am 07.06. um 03:25 Uhr (A.M.!!!) dazu, dass ich mir dachte: ‘Teste doch mal aus, ob Du noch in Deinen alten ICQ Account kommst’. Gesagt, getan. 82057494 – ich kann die Nummer heute noch auswendig – meine darauf folgende Nummer, die ich viel länger hatte, kann ich noch nicht einmal ansatzweise. Und was ich dann nach dem Login gesehen habe, könnt ihr euch ja wahrscheinlich denken. Fast 20 Jahre nachdem wir uns kennen gelernt haben, steht bei mir um 3:25 Uhr morgens, neben 100 Account-Leichen ein Nickname in der Freundesliste, der gerade online ist: Der von David. Die Wiedersehensfreude war groß, wir haben uns unglaublich viel zu erzählen gehabt, und erst als die Nacht endgültig zu Ende war, kam ich irgendwann ins Bett (während um mich herum die Leute alle wieder aufstanden). David ist nun in den Staaten, hat sein damaliges Traumfach, die Physik beibehalten, studiert, dissertiert, und ist nun an einer Universität in den Staaten PostDoc. Uns war klar, wir mussten uns unbedingt mal wieder sehen, er würde eh bald mal nach Deutschland kommen wollen, und würde einen Tag dafür einplanen, dass wir uns treffen könnten.
Nach einer kurzen Weile kam dann auch die versprochene E-Mail – leider hatte ich genau an dem Tag, den er vorschlug und geplant hatte, eine Prüfung, aber wir schafften es dann dennoch, uns für den 08.07. morgens in Hamburg zu verabreden.

Und jetzt sind wir eigentlich erst an dem eigentlichen Punkt an gekommen, den ich festhalten wollte: Für mich war das Treffen unglaublich überwältigend. Die Fahrt nach Hamburg über kamen mir erstmals Zweifel, ob das ganze denn überhaupt eine so schlaue Idee gewesen sei – wer weiß, wie er sich verändert hat, in all den Jahren? Was ich genau wusste: Ich hab mich in gewisser Hinsicht sehr stark verändert, viel mitgemacht, was Spuren hinterlassen hat. Was also, wenn wir uns nicht mehr verstehen würden, uns nichts mehr zu sagen hatten, und unsere fast 4 Std. sich endlos lang dahinziehen würden? Das waren die Gedanken, die mir im Zug so durch den Kopf gingen – neben der Frage, wie er wohl aussehen würde, nach all der Zeit, ob ich ihn wieder erkennen würde, ob er mich wieder erkennen würde?

Natürlich waren diese Gedanken wie immer völlig unberechtigt. Wir haben uns sofort wiedererkannt, die Begrüßung war sehr herzlich und es war keine gefühlte halbe Stunde um, da war es schon wieder Zeit “Lebe Wohl” zu sagen. Wir hatten uns so viel zu erzählen und haben uns noch so viel mehr erzählt, und es tat richtig richtig gut, mit jemanden zu sprechen der so intelligent ist, so viel Lebenserfahrung hat, und – das ist das wirklich bemerkenswerte – immer noch total auf einer Wellenlänge mit mir ist. Grade letzteres fand ich besonders interessant, da wir uns ja über 12 Jahre nicht mehr gesehen haben – wir haben uns eben doch nicht so sehr verändert, wie ich das angenommen hätte – es sind immer noch die gleichen Interessen, immer noch die gleiche Denkweise – und wenn man bedenkt, dass zu all dem sehr viel mehr hinzu gekommen ist, was man als kleiner Junge eben noch nicht so hatte (politisches und gesellschaftliches Interesse, bspw., oder auch soziale Reife) so haben wir uns auch in diesen Punkten nicht weit voneinander entfernt und sind, so würde ich sagen, immer noch auf einer Wellenlänge. Gibt es also doch so etwas wie “Seelenverwandschaft”? Jedenfalls machte das den Tag zu etwas wirklich bemerkenswertes. Ich bin aus diesem Gespräch mit einem Gefühl tiefsten Verstanden-werdens herausgegangen und fühle mich auch Intellektuell wieder ein wenig angeregter (schrieb ich nicht schon einmal davon, dass mich in letzter Zeit eine intellektuelle Lethargie in ihren eisigen Klauen hält und lähmt?); mein Kopf schwebt voller Ideen und Gedanken, neue Zukunftsvisionen nehmen Gestalt an, und alte Gedanken und Vorstellungen wurden bestärkt. Alles in allem war es ein sehr intellektuelles und inspirierendes Gespräch, dass ich in dieser Form schon lange nicht mehr gehabt habe. Ich fühle mich bestärkt in meinem Weg und bin voller Motivations- und Tatendrang. Schade, dass es so früh schon wieder um ist. Aber ich werde das beste daraus machen, die Anregungen nicht ungenutzt lassen, meine Lebensvision prüfen, und vor allem noch einmal über meine Ideale nachdenken, und diese eventuell lockern.

Insgesamt bleibt mir nur noch zu sagen Danke, David! Ich hoffe sehr, dass wir es diesmal schaffen, den Kontakt insgesamt konstanter aufrecht zu erhalten. Und ich hoffe, dass ich es diesmal auch schaffe, auf das Angebot zurück zu kommen, und mal ein wenig Luft auf der anderen Seite des großen Teiches zu schnuppern.

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